Was ist wirklich wichtig im Leben?

Die Antwort auf diese Frage ist denkbar offensichtlich, doch Lori Nelson Spielman will sie trotzdem in einem Buch verpacken. Stellt sich gleich eine andere Frage: Ist „und nebenan warten die Sterne“ ein typisches Mädchenbuch oder doch eine Art literarischer Ratgeber für alle?

Nach ihrer Scheidung von Brian zieht Erika ihre beiden Mädchen so ziemlich allein groß. Doch das Geld ist knapp, sodass sie ihren Job als Sozialarbeiterin an den Nagel hängt und Maklerin wird. Eine verdammt erfolgreiche, deren Handy nie still steht und deren Terminkalender aus allen Nähten platzt. Das Ganze wird so krass, dass ihre beiden Töchter anfangen, ihre echte Mutter zu vermissen und kaum noch ein echtes Familienleben besteht. Auch als die große Rückkehr ans College bevorsteht, muss Erika ihre beiden Töchter zum Zug schicken und kann sie nicht wie versprochen selbst hinbringen. Annie verpasst den Zug, doch Kristen schafft es – sodass sie beim großen Zugunglück unter den Todesopfern ist. Mit einem Paukenschlag gerät das Leben von Erika und Annie aus den Fugen. Annie bleibt in der Leugnungsphase stecken und ist überzeugt, dass ihre Schwester den Zug verpasst hat und irgendwo versteckt lebt. Erika hat ihre Emotionen viel zu stark unter Verschluss und schließt damit auch ihre noch lebende Tochter aus ihrem Leben aus. Jetzt zählt nur noch ihr Job. Erst als Annie verschwindet merkt Erika, dass hier einiges falsch läuft und ihrer beider Leben auf eine Vollkatastrophe zurast …

Die Kritik

Sehr gut gelungen ist schon der Einstieg in die Geschichte: Kristen ist keine anonyme Person, die stirbt. Nein, sie wird dem Leser genauso vorgestellt, wie sie einige Tage vor ihrem Tod ist: Mitten im Leben stehend. Ihr plötzlicher Tod ist also halb erwartet, halb reißt er den Leser selbst aus der Bahn – weil die volle Ungerechtigkeit des Lebens zu Tage kommt. Das Leben juckt es nicht, wie alt du bist. Wie viele Pläne du hattest. Es ist plötzlich vorbei. Direkt daran gekoppelt ist eine der größeren Lebensweisheiten, die die Autorin offensichtlich ihren Lesern vermitteln will: Es gibt nicht immer eine Ursache für schlechte Vorfälle. Es gibt manchmal einfach niemanden, der Schuld hat. Das ist ein sehr kluger und guter Ansatz, den man als Leser wiederrum einigen Menschen im eigenen Freundeskreis ans Herz legen möchte.

Ein absolutes Plus: Die Autorin erschafft super sympathische Charaktere, die wirklich wie jedermann sind. Sie sind keine idealisierten Figuren, sondern ganz stinknormale Menschen, wie jeder sie kennt oder wie wir selbst sind. Das erleichtert das einfühlen natürlich enorm,

Ein kleines Manko: Die Sicht der Mutter, Erika, wird in der ich-Person erzählt. In dieser Form würde man nach dem Tod ihrer Tochter schon deutlich mehr Emotion erwarten. Dass sie die nicht nach außen trägt, bekommt man schnell mit, aber sich selbst gegenüber wrde man bei so einem krassen Verlust schon ehrlicher sein, oder?

Ihr merkt schon: ich habe einen deutlich positiven Eindruck von diesem Buch! Und jetzt kommt die Härte: Ich selbst bin eigentlich Fantasy-Leserin und habs nicht so mit den ganzen bunten Mädchen-Büchern, die den Markt zur Zeit überschwemmen. Hier muss ich aber sagen – echte Ausnahme und absolut zu empfehlen!

Bettina Riedel (academicworld.net)

Und nebenan warten die Sterne. Lori Nelson Spielman.
Fischer Verlage. 14,99 Euro.

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