Tick tack, tick tack…

Die Zeit ist ein 15-jähriges Mädchen, das eigentlich gar nicht wirklich die Zeit werden wollte. Sie wurde für diese Aufgabe auserwählt und lebt zusammen mit drei anderen Freunden auf der Erde. Bei ihr sind David, die Beständigkeit, Kevin, der Raum und Shay, der Abgrund. Alle stammen ursprünglich aus einem anderen Ort mit dem Namen Winter, wo sie gestorben sind, um auf der Erde weiterzuleben – für alle Ewigkeit.

Der Roman hat drei Teile, vom Anfang bis zum Ende der Zeit. Er beinhaltet viele kurze Kapitel, oft nur drei Zeilen lang – mit Gedanken, Ereignissen oder Notizen, die aus der Perspektive der Zeit verfasst werden. Sie beschreibt Gespräche mit der Beständigkeit, mit dem Raum und mit dem Abgrund. Die Zeit vermisst das Leben, hat Sehnsucht nach Hause, sie verliebt sich in einen Menschen und führt Diskussionen und kurze Treffen mit dem Tod, der gegen Ende zu einem guten Freund von ihr wird. Die Gedanken sind vage und regen zum Nachdenken an: Die Unsichtbarkeit und Sichtbarkeit der Zeit, ihre vielen Gesichter, ihre Widersprüche und das Fehlen des Verständnisses der Menschen für sie. Eine philosophische Reise rund um die Themen Zeit, Vergänglichkeit, Liebe und Einsamkeit.

Kritik

Die Zeit ist ein Phänomen, das fast jeden von uns sehr beschäftigt: Was ist Zeit, warum teilen wir sie in Tagen, Stunden, Minuten, Sekunden, warum vergeht sie für manchen langsamer, für manchen schneller? Gibt es so etwas wie Gegenwart und wenn ja, wie lange dauert sie? Eine „Autobiographie der Zeit“ in Händen zu halten, war für mich eine ziemlich spannende Sache. Und dieser dann als Mädchen zu begegnen, das ihre Gedanken aufschreibt – ein ganz normaler Mensch mit Gefühlen und Gedanken, Ängsten und Träumen – machte das ganze noch faszinierender. Die philosophische Stufe war schon dadurch erreicht.

Die kurzen Kapiteln mit Dialogen und Gedanken der Zeit wirken erstmal ganz banal: Wenn die Zeit mit Kevin redet, kommt es als ein ganz normales Gespräch zwischen zwei jungen (wenn auch ziemlich philosophischen) Menschen vor. Man merkt erst, wenn man ein bisschen über die Aussagen der beiden nachdenkt, dass es ein Gespräch zwischen Raum und Zeit geht. Und was für Gespräche das sind! Oft saß ich da und habe mich gefragt, was die kurznotierte Diskussion zwischen Zeit, Raum, Beständigkeit und Abgrund bedeuten soll: Mehrmals durchgelesen, mehrmals versucht das Gespräch zu interpretieren und überhaupt zu verstehen. Dennoch zu keiner Erkenntnis gekommen.

Trotzdem war es spannend zu merken, wie so kurze Sätze einen so sehr überfordern und zum Nachdenken anregen können. Durch die kurzen Kapitel fühlt es sich an, als würde viel Zeit vergehen, obwohl man nicht genau weiß, wie viel. Die Geschichte wirkt melancholisch und ruhig, mit einer poesiegeladenen Wortwahl und wunderschöne Bilder, die der Phantasie freien Lauf lassen. Die Bilder sind in sich oft sehr widersprüchlich, denn auch wenn sie sehr bunt sind, zeigen viele ziemlich traurige Szenen. Manchmal sind es auch nur Farbkleckse.

Verträumt, aber auch ein bisschen verwirrend: Die junge deutsche Autorin Lilly Lindner hat es mit diesem Buch zu einer einzigartigen neuen Art des Erzählens gebracht, die vielleicht erstmal komisch vorkommt, dennoch zu einer sehr inspirierenden Geschichte führt.

 

Stephanie Meyersieck (academicworld.net)

Die Autobiographie der Zeit. Lilly Lindner. Droemer Knaur, 14,99 Euro.

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