The north remembers – not.

Fans der Serie Game of Thrones kennen natürlich den dort gängigen Satz: The North Remembers. Davon weiß die junge Frau aber nichts, die um 1902 von Christian bewusstlos aus der Ostsee gefischt wird – und an einer durchgängigen Amnesie leidet.

 Ostseebad Heiligendamm. Christian bringt die junge Frau mit in das Gästehaus seiner Eltern – seine Mutter ist davon nicht nur wenig begeistert, sondern begegnet der hübschen Unbekannten mit offener Feindseligkeit. Offenbar wurde ihrer Familie in der Vergangenheit von einer jungen Dame, die in ähnlichem Umständen gefunden wurde, böse mitgespielt. Christian und seine Schwester Johanna verstehen ihre Reaktion überhaupt nicht.
Johanna steckt überdies bis über die Ohren in eigenen Problemen: Ihre Mutter möchte am Weihnachtsball ihre Verlobung bekanntgeben. Dafür gibt es zwei Heiratskandidaten, von denen Johanna kein einziger richtig schmeckt. Der eine fad, der andere ein Lebemann. Viel lieber verbringt sie ihre Zeit mit dem Sohn einer Familie, die mit der ihren über Generationen verfeindet ist. Die Liaison hat absolut keine Aussicht auf Erfolg, doch Johanna hält an ihr so fest wie die unbekannte Schöne an einem Barbarazweig, der letztendlich auch mit ihre Identität offenbaren wird …

Die Kritik

Zuallererst: Es ist ganz offensichtlich eine feminine Geschichte, die nicht nur zwei Frauen in den Mittelpunkt stellt, sondern sie auch mit besonders “weiblichen” Themen in den Fokus rückt: Heirat eines ungeliebten Mannes, die reine, wahre Liebe und die unschuldige Zuneigung zarter Herzen. Ich persönlich bin eigentlich nicht der Typ für solche Geschichten, weil die Protagonistinnen oft als fade Dummchen verkauft werden – das ist hier absolut nicht der Fall. Klar, keine der beiden ist eine Mathematikerin oder mit besonders starkem, zynischen Humor gesegnet. Trotzdem sind sie sympathisch, durchaus pragmatisch und keinesweg im geistigen Viktorianischen Zeitalter angesiedelt. Damit ist die Geschichte weit weniger belanglos, als sie durch den “Klappentext” zunächst wirken mag.

Punkt 2: Es ist eine gekürzte Lesung. Davon merkt man aber so gut wie gar nichts, denn die Handlung ergibt sich chronolgisch, sinnvoll und ohne Verluste. Das Buch kenne ich nicht, habe aber nicht das Gefühl etwas durch die gekürzte Lesung verpasst zu haben. Das muss man erst mal schaffen!

Ein kleines Manko gibt es: Gerade zu Anfangs des Buches wird oftmals von “Sie ist vom Schiff gefallen” geredet. Der gängigere Ausdruck dürfte vom “über Bord gegangen sein”. Das stößt etwas seltsam auf beim Zuhören.

Insgesamt vergeht die Zeit beim Zuhören wie im Flug – sowohl weil die Lesestimme richtig gut zum Buch und auch irgendwie zum Cover passt. Aber auch, weil die Geschichte immer stetig weiterentwickelt wird und nicht auf dem gleichen Punkt beharrt. Die Figuren sind zwar zentral, ihre Gedanken werden beleuchtet, aber die Autorin ergeht sich nicht in endlosen Gedankenmonologen. Das hat sie wirklich prima hingekriegt und verdient dafür und für die anderen Punkte die Hörempfehlung!

Bettina Riedel (academicworld.net)

Corinna Bomann. Winterblüte.
Hörbuch Hamburg. 18,00 Euro.

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