Tanz über dem Abgrund vs. Mysterium (in) New York

„Winter’s Tale“ in der Doppelkritik von Gisela Stummer und Nathalie Mispagel

Tanz über dem Abgrund
Ob das eine gute Idee ist: Eigentlich darf sich Beverly weder anstrengen noch aufregen. © 2014 Warner Bros. Pictures/Village Roadshow Films


Tanz über dem Abgrund


„Winter’s Tale“ erzählt die ewige Geschichte von Gut und Böse – und einem fliegenden Pferd. Dabei verliebt sich der liebenswerte Gauner Peter Lake in die totkranke Beverly und zieht sich den ewigen Zorn eines höllischen Gangsterbosses auf sich.

von Gisela Stummer (academicworld.net)

Moses macht eine Zeitreise

Als Baby wurde Peter Lake (Colin Farrell) in einem kleinen Segelmodellschiff aus dem Hafen von New York gefischt. Seinen Eltern war die Einreise verweigert worden, den Sohn wollten Sie aber nicht mit zurück nach Russland nehmen. Kein Wunder, dass der junge Peter ein wenig auf die schiefe Bahn geraten ist. Vor allem der Anführer der Gang, in der er teilweise agiert, der im wahrsten Sinne des Wortes höllische Pearly Soames (Russel Crowe), wird allerdings bald sein tödlichster Feind. Auf der Flucht vor Pearly findet er Unterstützung von einem geheimnisvollen weißen Pferd und Zuflucht bei der jungen Beverly Penn (Jessica Brown Findlay). Die ist aber nicht nur klug und hübsch, sondern leider auch todkrank. Doch bevor sie in seinen Armen stirbt, macht Beverly aus dem kleinen Gangster Peter einen besseren Menschen. Die Trauer um die große Liebe und die Schergen Pearlys bringen Peter daraufhin fast um. Doch erneut kommt ihm das geheimnisvolle Pferd zu Hilfe und trägt ihn durch die Zeit davon.

Als der Zuschauer Peter in unserer Gegenwart wieder sieht, weiß der gar nicht mehr wer er ist und woher er kommt. Erst mit Hilfe von Virginia (Jennifer Connelly) und ihrer krebskranken kleinen Tochter, kommt er seiner eigenen Geschichte und seinem Daseinszweck wieder auf die Spur. Doch auch alte Feinde finden ihn schnell wieder …

Magie statt Logik

Die Geschichte, die auf dem gleichnamigen Roman des US-Autors Mark Helprin basiert, kommt dabei allerdings nie so richtig in Fahrt. Statt sich an den schwelgerischen Kulissen und rasanten Verfolgungsjagden zu erfreuen, fragt man sich, wie zur Hölle denn Colin Farrell noch ernsthaft als Anfang 20 durchgehen soll und wie eine über Hundertjährige einen Verlag leiten soll. Vor allem die magischen Elemente der Erzählung fügen sich nicht immer stimmig ein, erwecken bisweilen den Eindruck, dass einem Teile der Geschichte fehlen und lassen bisweilen ratlose Zuseher zurück. Muss man das Buch gelesen haben, um den Film zu verstehen? Vielleicht keine allzu gute Voraussetzung.


Mysterium (in) New York

Durch die Straßen New Yorks streifen dämonenartige Wesen, über der City schwebt ein geflügeltes Pferd, und eine Liebe überdauert ein Jahrhundert, um ihr Schicksal zu erfüllen. Von diesen romantischen Unwahrscheinlichkeiten erzählt die Fantasy-Lovestory „Winter’s Tale“, ab 13.2. im Kino, mit derart unverblümtem Kitsch, daß es gelegentlich schon wieder etwas hat.

Der Roman und seine Adaption

Einerseits läßt sich Mark Helprins Phantastik-Roman „Winter’s Tale“ (1983) dem magischen Realismus zuordnen, andererseits könnte er auch als literarische Zumutung durchgehen. Auf rund 800 Seiten wird mit angestrengt poetisierter Sprache über ewige Liebe und urbane Utopien schwadroniert, über kosmische Einheit und mystische Verstrickungen. Technik, Architektur und Presse sind in Verbindung mit Moral, Emotionen und Visionen gesetzt, um den Zukunftstraum vom Weltenwandel als eine Art Mythos zu verklären. Das hört sich genauso überladen, schwerfällig und deklamatorisch an, wie es sich liest – auch wenn das Buch 2006 auf der „What Is the Best Work of American Fiction of the Last 25 Years?“-Liste von „The New York Times Book Review“ stand. Gleichwohl schien es kein heißer Kandidat für eine Verfilmung zu sein.

Umso erstaunlicher, daß es sich Drehbuchautor und Produzent Akiva Goldsman für seinen ersten abendfüllenden Spielfilm als Vorlage ausgesucht und auch noch das Drehbuch geschrieben hat. Letztere Aufgabe löste er auf die einzig machbare Weise, indem er aus dem Originalroman einen Großteil des unübersichtlichen Personals, der verwirrend ausufernden Handlung sowie des symbolisch überfrachteten Subtextes strich. Dem Buch tat das gut; ein wirklich guter Film ist daraus aber nicht entstanden. Wie auch… bei dem Urtext!

Die Geschichte und ihr Weltbild

New York, 1915: Peter Lake (Colin Farrell), einstmals Waisenkind und heute begnadeter Dieb, verliebt sich bei einem seiner Raubzüge in die reiche, aber todkranke Beverly Penn (Jessica Brown Findlay). Im wahrsten Sinne des Wortes unsterblich. Obwohl Beverly ihrer Tuberkulose erliegt und Peter von seinem Todfeind Pearly Soames (Russell Crowe) vernichtet wird, findet er sich 100 Jahre später im modernen New York wieder. Peters Gedächtnis scheint zunächst verloren, aber nicht die Erinnerung an eine wunderschöne, namenlose Frau. Mit Hilfe der Journalistin Virginia (Jennifer Connelly), deren krebskranke Tochter im Park auf Peter stößt, kann dieser sein früheres Leben rekonstruieren. Schließlich begreift er, weshalb er noch auf dieser Erde weilt.

Ritte durch klirrend kalte Schneelandschaften, Küsse in orientalischen Zelten, waidwunde Blicke, bebende Körper und in den Armen ihrer Geliebten sterbende Frauen – „Winter’s Tale“ ist eine beinharte Prüfung für Zyniker. Und für Realisten, denn wie das Buch entwirft die Verfilmung eine mystische Parallel-Wirklichkeit, geprägt von universaler Balance und individueller Bestimmung. Mark Helprin verflicht darin noch die Idee eines Weltenplans von der gerechten Stadt zur Rettung der Menschheit. Akiva Goldsman hingegen konzentriert sich auf eine hochtragische Romanze, die ob ihrer leidenschaftlichen Intensität eine wichtige Rolle im Lauf der Dinge spielen wird. Selbst ein Centennium später kann sie ihre lebensspendenden Kräfte entfalten.

Die Magie, ihr Raum und das Licht

Anders als das Buch setzt der Film offen auf Magie. Symbolhaft für den durch vorbestimmtes Schicksal organisierten Kosmos steht ein weißes Ross, das Peter Lake plötzlich vor die Füße galoppiert und ab da dessen Geschicke unmerklich lenkt. In großer Not kann es sich gar wie Pegasos zum Himmel hinaufschwingen. Sein indirekter Gegenspieler ist Pearly Soames. Als rastloser Dämon wandelt er auf dieser Erde, um die Möglichkeit eines jeden Menschen, sein persönliches Wunder zu wirken, radikal zu unterbinden. Zwischen diesen beiden Polen aus Gut und Böse breitet sich die wahrhaft überirdische Kulisse eines märchenhaft überhöhten New Yorks samt Umland aus, wo die Schneeflocken sanfter fallen und die Sterne heller strahlen. Es ist explizit der grandiosen Lichtästhetik zu verdanken, daß aus verspielter Architektur, liebevoll ausgestatteten Schauplätzen sowie herrlichen Eis-Regionen – an der amerikanischen Ostküste herrscht öfters Winter als anderswo… – eine traumhafte Sphäre voller Zauber entsteht.

Alle Lebewesen dieses (cineastischen) Universums, in dem die Gesetze von Zeit und Raum durchlässig sind, werden von einem unsichtbaren, ewigen Band verbunden. Schon zu Beginn betont die Voice-over von Beverly: „Magic is everywhere around us…“ Kameramann Caleb Deschanel macht das Licht zum stillen Botschafter jener Synthese, indem er durch Lens Flares Räume neu strukturiert, Veränderungen einleitet oder einfach nur die Kraft des Unsichtbaren akzentuiert. Selbst Pearly Soames bedient sich des Lichts mit Hilfe eines faszinierenden Mond-Edelstein-Orakels.

Die Romantik und ihre Entrückung

Die Finsternis bekennt also Farbe, wird aber letztendlich von einer golden aufschimmernden Liebe besiegt. „Winter’s Tale“ hat sich nämlich geradezu hemmungslos einer sentimental-trivialen Klischee-Romantik verschrieben. Allein der elegische Orchestral-Soundtrack von Hans Zimmer und Rupert Gregson-Williams kitzelt noch die letzte versteckte Emotion hervor. Selten sieht und hört man bei aktuellem Hollywood-Mainstream, der seine laute Dummheit gerne ironisch aufhübscht, ein solch ungebrochenes Bekenntnis zur bedeutungschweren Gefühligkeit eines Märchens. Das ist zwar weder intellektuell noch künstlerisch ein ungetrübtes Vergnügen, dennoch ein klitzekleines bißchen herzzerreißend. Einfach, weil es an die Macht unwirklicher, ästhetisch theatralischer Bilder gemahnt, die so nur im Kino bestehen können.

Passend dazu wirken beinahe alle Figuren bzw. ihre Darsteller seltsam entrückt, etwa die entzückende Jessica Brown Findlay als traumverloren Sterbende oder William Hurt als ihr gramgebeugter Vater. Auch Colin Farrell, endlich als Dunkel-Romantiker entdeckt, scheint immer schon ein wenig in einer anderen Welt zu weilen. Allein Russell Crowe als Inkarnation zerstörerischer Ur-Kräfte verleiht seinem Pearly Soames eine diesseitige Wucht. Mit bullig-ungezähmter Physis sowie gefährlich grollendem Timbre erdet er eine Story, die sich nie ganz zwischen mythischem Kampf um das Schicksal der Menschheit und phantastischer Liebesgeschichte entscheidet. Darüber bleibt sie einerseits meist in pseudo-tiefgründiger Rührseligkeit stecken, erhebt sich andererseits zeitweilig zu poetischer Verklärung.

Diese dramaturgische Inkonsequenz ist mit der Schlußszene kurz vergessen, allein weil sie derart unverschämt kitschig ist, daß es schon fast wieder mutig scheint. Jedenfalls zählt das Ende von „Winter’s Tale“ zu jener Sorte, die dankbar macht für einen langen Abspann. Während der letzten Minuten können zartbesaitete Zuschauer ihr ruiniertes Nervenkostüm wieder auf gesellschaftlich präsentables Niveau bringen. Alle anderen sind eh nur kaltherzige Barbaren. Oder Kino-Puristen. Wer weiß das schon…


Tanz über dem Abgrund

Winter’s Tale

Regie: Akiva Goldsman
Darsteller: Colin Farrell, Jessica Brown-Findlay, Russel Crowe, Jennifer Connelly, William Hurt, Eva Marie Saint

Im Verleih von Warner Bros. Pictures Germany, a Division of Warner Bros. Entertainment GmbH ab 13. Februar 2014 im Kino

www.winters-tale.de

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