Smoky Barrett ist zurück

Nach der schweren Erkrankung von Cody McFadyen stellte sich lange Zeit die Frage, ob die Leser jemals wieder einen neuen Teil der Smoky Barrett-Reihe zu lesen bekommen würden. Nun veröffentlicht der Autor den fünften Band der Reihe. Darin konfrontiert er den Leser mit unfassbaren Gräueltaten und tiefsinnigen Täter- und Opferprofilen – weiß damit allerdings nur streckenweise zu überzeugen.

Gleich zu Beginn zündet McFadyen ein regelrechtes Feuerwerk an schockierenden Ereignissen. Die schwangere Smoky Barrett und ihr Team werden nach Colorado zitiert, um dort in einem Mehrfachmord zu ermitteln. Drei Familien in derselben Straße wurden innerhalb kürzester Zeit auf professionelle Art und Weise getötet. An den Tatorten finden die Ermittler nicht nur die vom Mörder grotesk positionierten Leichen, sondern auch eine blutige Botschaft an der Wand, die direkt an Smoky gerichtet ist. Nur wenige Seiten später überschlagen sich die Ereignisse. Die Morde häufen sich und ein albtraumhaftes Szenario jagt das nächste. Nachdem man ungefähr ein Drittel des Buches gelesen hat, stellt sich einem bei all dem präsentierten Wahnsinn die Frage, was da wohl noch im restlichen Buch kommen mag? Die Antwort darauf ist: leider nicht sehr viel.

Traumata-Behandlung

Nach dem beeindruckenden Auftakt fällt der Unterhaltungswert der Handlung deutlich ab. Der Autor konzentriert sich verstärkt auf das Innenleben seiner Hauptprotagonistin und deren Versuche, Herrin ihrer Traumata zu werden. Auf der einen Seite verständlich, da keiner solche Geschehnisse erleben kann, ohne psychologische Schäden davon zu tragen, und dennoch bleibt das Gefühl, dass dem Autor nach dem Auftakt die Ideen ausgegangen sind. Zu repetitiv sind Smokys Gedankengänge, zu simpel das schlussendliche Überkommen des Erlebten. Dieser Verdacht erhärtet sich sogar noch, als McFadyen versucht, am Ende des Buches innerhalb von wenigen Seiten die gesamte Handlung herumzureißen und dem Leser einen Mörder zu präsentieren. Das bis dahin etablierte Täterprofil zeugt von solch einem Perfektionismus, dass der Fehler, der den Mörder zu guter Letzt auffliegen lässt, lapidar und geradezu unrealistisch erscheint.

Schonungslos und direkt

Trotz alldem besticht McFadyens lakonische Sprache durchwegs mit einem Alleinstellungsmerkmal: die schonungslose Beschreibung der Geschehnisse. Dabei wird weder bei den zahlreichen Vergewaltigungen noch bei den Häutungen von Kindern mit Details gespart. Es werden im ersten Drittel laufend neue Höhen der Brutalität erreicht, so dass selbst eingefleischte Krimifans an dieser Kost zu knabbern haben werden. Dank der Verwendung von prägnanten Metaphern gelingt es dem Autor während des gesamten Buches, den Lesern Bilder und Gefühle solch unvorstellbarer Taten greifbar zu machen und ein Mitempfinden zu wecken. Zwischenzeitliche Übelkeit beim Lesen stellt dabei keine Seltenheit dar.

Fazit

Die Leser haben sechs Jahre auf die Fortsetzung der Smoky Barrett-Reihe gewartet. Dementsprechend hoch sind auch die Erwartungen. Das Werk vermag es nicht, an diese Erwartungshaltung heranzureichen. Das erste Drittel des Buches sowie einige psychologischen Exkurse – allen voran die Erläuterung des Milgram-Experiments – mögen zwar durchaus hervorragendes Kriminalromanmaterial sein. Sie täuschen allerdings nicht über die langatmigen Abschnitte und das vorhersehbare Ende des Buches hinweg. Cody McFadyen verschenkt sehr viel Potential. Bei dem verheißungsvollen Anfang wäre in der Tat mehr möglich gewesen.

Alexander Wachter (academicworld.net)

Cody McFadyen. Die Stille vor dem Tod.
Bastei Lübbe Verlag. 22,90€

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