Roadtrip. Einmal quer durch Deutschland.

Freunde besuchen, ganz analog. Und Vorurteile abbauen oder auffrischen. academicworld-Urgestein Theresa sah sich zehn Tage deutsche Städte, deutsches Bier und deutsche Eigenheiten an.

Heinrich Heine fand es blöd, ich eigentlich ganz okay: Köln mit Dom

Freitag Nachmittag geht’s los. Bonnie, Clyde und ich fahren auf unsere zehntägige Deutschland-Tour. Wir verdrängen, wie schlecht der letzte Satz unserer Hausarbeiten war oder irgendwelche Prüfungsergebnisse. Semesterferien,  hier sind wir! Unser Pferd ist der VW von Bonnies Eltern.

Ein paar unausgesprochene Grundregeln herrschen hier: Wer fährt, darf sich die Musik aussuchen, aber die eigentliche Macht hat der Beifahrer, der hat nämlich den mp3-Player in der Hand. Wer hinten auf der Rückbank sitzt, hat wissentlich seine Rechte abgegeben, da hat man nix zu melden.
Das ist wichtig, weil wenn zwischen Beifahrer und Fahrer Unstimmigkeiten in der Musik oder der Streckenwahl auftreten, kann das böse enden. Ganz zu schweigen davon, wenn plötzlich noch der rechtlose Gringo von der Rückbank mitmischen will.
 
Der Beifahrer darf außerdem nicht schlafen, wenn der Fahrer selber ein bisschen müde ist, ist ja wohl klar. Geschlafen wird auf der Rückbank. Wenn jemand auf die Toilette muss, wird angehalten, wenn jemand Hunger hat, gilt das gleiche. Keine unbefriedigten Grundbedüfnisse auf unserem Trip, bitte. So und damit geht’s auf die Autobahn. We’re good, we’re gone, alles ist wunderbar.

Die Idee hat jeder schon mal gehabt, bei uns hat es ein paar Jahre gedauert, sie zu verwirklichen. Die Freunde studieren in anderen Teilen des Landes, man verabschiedet sich nach der Schule und sagt: Ich besuch dich dann ganz oft. Jaja. Meistens hat man dann kein Geld, oder Seminararbeiten, oder Prüfungen die man nachholen muss, oder die Leute sind doch daheim, in München, dann sieht man sich, dann reichts auch wieder, wozu dann noch besuchen. Aber nicht dieses Jahr! Dieses Jahr Roadtrip mit komplettem Besuch der ausgewanderten Kuhjungen- und Mädchen.

Zu meiner besonderen Neugier auf diese Reise ist noch zu sagen, dass ich zur Klassifierung der typischen Weisswurst-Äquator-Oberbayern zähle, die ihr gelobtes Land innerhalb der deutschen Grenzen nur äußerst selten verlassen, und auch dann mit größter Skepsis. Gut, Berlin, da war ich schon ein paarmal, aber, let’s face it. Berlin ist bis auf die Curry Wurst ganz schön einschüchternd und irgendwie auch nicht Deutschland. Und so cool, dass man dann gar nicht mehr heim will. Weil wir dieser Gefahr entgehen wollen, und weil zur Zeit keiner in Berlin ist, den wir besuchen wollen, ist Berlin nicht auf unserer Liste.

Auf unserer Liste stehen Hamburg, mit seinen wunderschönen Fachwerkhäusern und seinem beeindruckenden Hafen, Dresden mit seinen Brücken und dem schönsten Opernhaus Deutschlands, Frankfurt, einschüchternde Metropole mit echten (!) Hochhäusern, da komm ich mir vor wie vom Land, Köln, wunderschönes, unterschätztes, bei Studenten geliebtes, lebendiges Köln. 

Außerdem: Gießen.

Gießen ist unsere erste Station, da besuchen wir unsere Mitbewohnerin und ihre Leute, die irgendwie auch unsere Leute geworden sind, nachdem sie uns an Silvester geholfen haben, die Bude auseinander zu nehmen. In Gießen (“Ah lai!”) gibt’s echt nicht viel zu sehen, wir grillen das erste Mal in diesem Sommer, und dann das zweite, und dann das dritte Mal, es gibt was zu trinken und nette Menschen, und nach zwei Tagen fahren wir weiter.

Viele Sorten Kölsch. Generell viel Bier

In Köln wird uns klar, dass unsere Kultur-Tour tatsächlich vor allem eine Bier-Tour wird. Diverse Sorten Kölsch gilt es durchzuprobieren, Gaffel, Mühlen, Reissdorf, Früh und wie sie nicht alle heißen, auf jeden Fall wird’s hopfenlastig, aber nach der Besteigung des Dom-Turms haben wir uns das auch verdient. Die Bars sind ein bisschen anders als daheim, weniger schnöselig, nicht viel billiger, leider, aber nach zwei Abenden laufen wir in der Offenbarungs-Bar ein. Ohne jetzt hier Schleichwerbung machen zu wollen, die Kneipe heisst so ähnlich wie “Zur Schüchternen Kuh”, mit der Musik-Mischung können Clyde und ich uns gleichermaßen arrangieren, das ist selten, und Bonnie findet vor sich eine herrenlose Schachtel Zigaretten, voll, das ist noch seltener. Der Abend hat sich auf jeden Fall gelohnt.

Auf dem Weg zwischen Köln und Hamburg gibt’s den ersten Musik-Stress, die Anlage geht nämlich kaputt. Die volle Tragweite dieser Katastrophe wird uns erst nach einer Stunde bewusst: Wir kriegen immer nur eine regionale Welle rein, und die ist meistens kacke. Einmal läuft ein Lied, in dem eine deutsche, verklemmte Alt-Hippietante davon singt, dass sie gerne mit Jesus zu Woodstock gegangen wäre, und ich habe das heftige Bedürfnis, in den Kofferraum umzuziehen. Nach ein paar weiteren Kilometern brummt Herbert Grönemeyer, wir sollen ihm sein Herz zurückgeben, (“bevorszerbricht”) und ich denke mir nur, selber, wenn du nicht aufhörst zu singen, gehen wir hier alle kaputt. Dann stellt sich allerdings raus, dass meine beiden Mitfahrer eine perfekte Grönemeyer-Imitation beherrschen, so grandios geächzt, dass ich kurzzeitig den Frust über die kaputte Anlage vergesse.

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