Das Leben zwischen Vergangenheit und Zukunft

Wolfgang Herrndorf wurde im Februar 2010 mit einem tödlichen Glioblastom im Gehirn diagnostiziert. Am 26. August 2013 schoss er sich am Ufer des Hohenzollernkanals in Berlin in den Kopf. In der Zeit dazwischen schrieb er den Roman Tschick. Jeder Roman ist immer im Kontext der Lebensumstände des Autors zu betrachten – dennoch ist es erstaunlich, wie sich die Wirkung von Tschick verändert, wenn man den Roman mit dem Wissen um das tragische Schicksal seines Autors liest.

Der Roman dreht sich um die Geschichte zweier Außenseiter: Protagonist Maik Klingenberg, 14 Jahre alt, der schon mal den Spitznamen „Psycho“ trug, und sein Klassenkamerad Andrej Tschichatschow, ein russischer Einwanderer, auch genannt „Tschick.“ Maiks Familie zu attestieren, sie sei unharmonisch, wäre eine Untertreibung: Seine Mutter ist alkoholabhängig und wird wieder einmal in eine Entzugsklinik verfrachtet. Sein Vater, der nicht besonders viel für seinen Sohn übrig zu haben scheint, fährt mit seiner Assistentin in den Urlaub. Somit beschließt Maik, seine Sommerferien allein am hauseigenen Pool zu verbringen. Eines Tages taucht jedoch plötzlich Tschick mit einem gestohlenen Lada auf und beide machen sich auf den Weg in die Walachei; Tschick habe angeblich Verwandte dort. Dabei ist dies wohl eher als ein symbolisches Ziel zu verstehen, da keiner von beiden weiß, wo die Walachei genau liegt und Mike im ersten Moment sogar denkt, es handle sich dabei um einen fiktiven Ort. So ist es auch gar nicht schlimm, dass die beiden die Walachei nie erreichen – man glaubt von Anfang an nicht an ein Gelingen der Reise. Ganz nach dem Motto „der Weg ist das Ziel“ erleben die beiden auf ihrer kurzen Reise ein großes Abenteuer. Sie haben ein absurdes Aufeinandertreffen mit einer Familie, lernen das mysteriöse Mädchen Isa kennen, werden beschossen und haben einen Unfall; das Wichtigste dabei ist, so kitschig es auch klingen mag: sie werden sehr enge Freunde.

Tschick ist Road-Movie in Buchform, Jugend- und Bildungsroman und Abenteuergeschichte in einem. Das Buch fungiert dabei als eine Art Zeitmaschine. Man wird in eine Zeit zurückversetzt, die man als Erwachsener als unfassbar unkompliziert in Erinnerung hat, die damals jedoch ein einziges Abenteuer – oder noch viel wahrscheinlicher –, ein Labyrinth war. Man erkennt in der Atmosphäre des Buches und in den Gefühlen, die Herrndorf transportiert, die eigene Kindheit wieder, beziehungsweise eine Version davon, die noch in Erinnerung geblieben ist und von der man sich möglicherweise wünscht, das sie wirklich so passierte. Maik trägt die Geschichte des Romans als Ich-Erzähler mit einer sehr humorvollen Erzählweise. Auch die Dialoge sind meistervoll konstruiert: Egal ob Tschick und Maik über Uhren und Kompasse streiten, oder darüber sinnieren, ob es wohl auf einem andern Planeten riesige Insekten gäbe, die im Kino selbst Filme über Menschen anschauen; immer vermittelt Herrndorf den Humor und die unschuldige, naive Kindlichkeit der Charaktere, ohne dass die Dialoge zu simpel werden und daran zerbrechen. Er nimmt komplexe Ideen und verpackt diese in einfache Konstruktionen.

Die 256 Seiten des Buchs sind schnell gelesen. Die packende Geschichte und Herrndorfs leicht verständlicher Schreibstil treiben den Leser immer weiter voran, ohne dass an irgendeiner Stelle das Bedürfnis aufkommt, das Buch beiseite zu legen. Ist Tschick einerseits eine Zeitmaschine in die Vergangenheit, so ist es andererseits auch eine Zeitmaschine in die Zukunft. Denn wenn man schließlich den letzten Satz gelesen hat und das Buch mit einer Gefühlsmischung aus Nostalgie, Freude und ein klein wenig Sehnsucht, zuklappt, stellt man sich verwirrt die Frage, wo denn die letzten drei Stunden abgeblieben sind.

Kennt man Wolfgang Herrndorfs Schicksal, kann man durchaus Verbindungen zwischen seinem Gefühlszustand nach der Diagnose – den er selbst im Buch Arbeit und Struktur eindrucksvoll schildert – und der Thematik in Tschick herstellen. Es geht darum, das eigene Abenteuer im jetzigen Moment zu erleben, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, dass es  zu einem baldigen Zeitpunkt, den man selbst nicht voraussieht, zu Ende sein könnte. Fast so als befände man sich knapp unter der Wasseroberfläche eines Pools, den Augenblick genießend, ohne daran zu denken, irgendwann wieder auftauchen zu müssen.

 

Dominik Heller (academicworld.net-Redaktion)


Tschick

Tschick
Wolfgang Herrndorf
Rowohlt Verlag
Preis 9,99€

 

 

 

 

 

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