Reality-TV-Extrem (1)

Suzanne Collins Buchreihe “The Hunger Games” hat sich im Fahrwasser anderer so genannter All-age-Literatur wie Harry Potter und Twilight schnell zu einem großen Erfolg entwickelt. Kein Wunder, dass die Verfilmung mit einigem Staraufgebot erfolgreich war. Wem das bisher deutlich gekürzte Hörbuch-Angebot nicht zusagte, der hat jetzt die Gelegenheit auf ein vollständiges Hörvergnügen.

Reality-TV-Extrem

In nicht allzu ferner Zukunft

Nordamerika, wie wir es kennen ist Geschichte. Aus den Trümmern entstand der Staat Panem, regiert von einem dekadenten, vergnügungssüchtigen Völkchen im Kapitol, bewohnt von ums Überleben kämpfenden Arbeitern in zwölf Distrikten. Einst waren es dreizehn, aber weil von dem Distrikt mit der Unglücksnummer einst eine Rebellion gegen das allmächtige Kapitol ausging wurde es verwüstet. Außerdem müssen seither die verbleibenden zwölf jährlich ein Mädchen und einen Jungen als “Tribute” bestimmen, die bei den unbarmherzigen Hungerspielen gegeneinander antreten. Zusehen ist für alle Einwohner Panems Pflicht. Wie einst beim Highlander: Es kann nur einen geben. Wer als letzter am Leben bleibt hat gewonnen und kann fortan mit seiner Familie in Wohlstand leben. 

Auf dieses bessere Leben schielt die 16-jährige Katniss Everdeen aus Distrikt 12 aber nicht, als sie sich freiwillig meldet. Vielmehr will sie das Leben ihrer kleinen Schwester Primrose, genannt Prim, retten, die entgegen aller Wahrscheinlichkeiten aus der Lostrommel gezogen wurde. Katniss hält die Familie schon seit dem Tod des Vaters einige Jahre zuvor über Wasser – unter anderem mit illegalen Jagdausflügen mit ihrem besten Freund Gale. Dabei hat sie sich beachtliche Fähigkeiten angeeignet und Überlebenswillen musste sie ja schon ihr ganzes Leben beweisen. Die Chancen stehen also gar nicht so schlecht für sie, aber kann sie notfalls ein eiskalter Killer sein und andere umbringen, nur um selbst zu überleben? Und wenn sie das tut: Ist sie dann noch sie selbst?

Peeta, der andere 12er, hat Katniss schon einmal das Überleben gesichert und ist außerdem seit langem heimlich in sie verliebt – sagt er jedenfalls. Gemeinsam müssen sie sich noch der Show auf Leben und Tod stellen, wissend, dass maximal einer von beiden lebend aus der Sache herauskommen wird. Denn die gutausgebildeten, kaltblütigen Karriere-Tribute aus den wohlhabenderen Distrikten kennen keine Gnade und falls es nicht blutig genug wird ist die Kampfarena vor Beginn der Spiele von kreativen Entwicklern in eine Todesfalle verwandelt.

Wie weit geht der Voyeurismus?

Die Mischung aus Theseus-Sage und Reality-TV, die Autorin Suzanne Collins da geschaffen hat, weiß zu fesseln und auch eine gewisse Selbsthinterfragung auszulösen. Wenn ich mir das Kampfgeschehen begeistert ansehe, bin ich dann schon fast so schlimm wie die Kapitolsbewohner in Panem? Wo ist die Grenze erreicht, dass die Zuschauer im Reality-TV ausbleiben oder gibt es überhaupt eine Grenze? Schließlich scheint noch die blödsinnigste Show ihr Publikum zu finden. Psychologisch gesehen ist das Ganze für ein Jugendbuch durchaus harter Tobak. Dafür lässt er sich in der Hörbuchversion einwandfrei anhören, denn Maria Koschny spricht die spannende Geschichte ganz wunderbar. Die ganzen 581 Minuten wird es dem Zuhörer nicht langweilig. Für alle die Spaß an düsteren Zukunftsentwürfen haben und das Buch noch nicht kennen eine absolute Empfehlen … beileibe nicht nur für Kinder.

Gisela Stummer (academicworld.net)

Suzanne Collins/Maria Koschny. Die Tribute von Panem (2 MP3-CDs)
19,95 Euro. Oetinger Media 
 

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