Oh Gott! Nicht schon wieder Weihnachten!

Alle Jahre fieser! Langsam naht es wieder, das Fest aller Feste. Wem dies nicht Überraschung genug ist, sollte in dem köstlich bissigen Band „Oh Gott! Nicht schon wieder Weihnachten! – Cartoons zur schönsten Zeit im Jahr“ von Gerald Mayerhofer blättern. Denn hier gibt es für jeden, ob Feier-Muffel oder Christmas-Sympathisant, Erstaunliches über das weihnachtliche Phänomen zu erfahren.

Ein farbenfroher Gabenteller

Mal ehrlich. Den ganzen Tag Glöckchengebimmel, Lebkuchenduft, Rentiergebrumme und dabei noch brutal schwere Säcke herumschleppen, das hält doch kein Mensch aus. Selbst ein gestandener Weihnachtsmann nicht. Tatsächlich tun sich hinter dessen Fassade aus friedvoller Fröhlichkeit geradezu schockierende Abgründe auf.

Allein das Freizeitverhalten des alten Geschenkeverteilers (‘Tango Erotico’ mit dem vierbeinigen geweihtragenden Personal!) stimmt höchst bedenklich, paßt allerdings perfekt zu seiner nicht vorhandenen Arbeitsmoral. Und was er erst außerhalb der Saison treibt… man will es kaum glauben, aber nur allzu gern wissen, gerade wenn es mit der spitzen, satirisch tollkühnen Feder von Gerald Mayerhofer, österreichischer Cartoonist und Illustrator, dargeboten wird.

Seine ausgesprochen farbenfrohe, von kurios-karikaturesken Figuren bevölkerte Weihnachtswelt bildet gewissermaßen das graphische Gegengift zu zuckersüßer Festtagsseligkeit. Endlich ist enthüllt, wie ‘Rudolph, the Red-Nosed Reindeer’ tatsächlich zu seinem Namen kam, ebenso, dass weihnachtliche Saisonarbeiter wie Santa Claus bisweilen unter quälenden Sinnkrisen leiden.

Noch schlimmer ergeht es übrigens dessen unbekannten, völlig erfolglosen Bruder Günther! Auch auf die Bekanntschaft mit Erwin, dem Kameltreiber, eine ebenfalls zu Unrecht von der Geschichte ignorierte Figur, möchte man kaum mehr verzichten. Dieser Charakterkopf mit seinem zahnraffeligen Grinsen bereichert einfach jede beschauliche Krippenszenerie.

Subversive Ideenpräsente

Kunterbunt und schrill sind freilich nicht allein die prägnanten Zeichnungen, sondern auch deren zugrundeliegenden pointierten Ideen. Mayerhofer mag es schräg, beißend, subversiv und noch besser: Er besitzt den rechten respektlosen (Über-)Mut dafür. So trauen sich die ‘Weihnachtsmänner ohne Grenzen’ mit provokanten Präsenten auch mal unter schwer bewaffnete Mudschahidin oder orientieren sich die ohnehin leicht verpeilten Heiligen Drei Könige statt an dem berühmten Stern versehentlich an strahlenden Atommeilern. Das ist gefährlich amüsant und politisch klug zugleich, scharf- und hintersinnig.

Schließlich sollte es gerade an Weihnachten nicht an flott-forschem Witz fehlen, denn einerseits mutiert das Fest sowieso häufig zur Realsatire, andererseits wäre der ganze Hype ohne einen Hang zur Ausgelassenheit nur schwer zu ertragen. Eben jene bieten Gerald Mayerhofers einfallsreiche Cartoons, angefangen mit harmlosem Spaß und lustigem Leichtsinn bis hin zu ironischem Esprit und tiefschwarzem Humor.

So sorgen der Weihnachtsbonsai als aktueller Dekotrend oder der Glöckner-Chor von Notre-Dame beim Leser für ein entspanntes Grinsen, die Eheprobleme zwischen Josef und Maria eher für einen schön gemeinen Lacher, während ein bitterböser ‘Nightmare before Christmas’ derart drastisch daherkommt, dass man fast wieder an den Nikolaus glauben möchte. Und dann erst “Viva la Revolución!”, der Geheimtip auf Seite 56. Bombig!

Keine Frage: Weihnachten ist immer noch die herrlichste Kapriole der westlichen Kultur.

(Nathalie Mispagel für academicworld)

Nathalie Mispagel lebt in Hassloch bei Frankfurt und studierte Jura, Allgemeine und Vergleichende Literatur- sowie Filmwissenschaft. Sie promovierte in Komparatistik und hat mit “New York in der europäischen Dichtung des 20. Jahrhunderts” (erschienen bei Königshausen & Neumann) jüngst ihr erstes Buch veröffentlicht.

Stand November 2011
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