Neü Sex: Für Jesus und Satan, von Sasha Grey

Sasha Grey ist bekannt, für ihre teils experimentellen Auftritte in Unterleibswestern. Nun hat sie mit “Neü Sex” einen Bildband herausgebracht, in dem sie eine andere Seite von sich zeigt. Die mit Essays gespickte visuelle Achterbahnfahrt, zeigt einen ungewohnten Einblick, in die sonst so sterile Welt der Pornographie.

Eine ungewöhnliche Karriere

Sasha Grey stieg bereits im Alter von 18 Jahren in das Geschäft der “erwachsenen Filme”, als Darstellerin ein und drehte 2006 ihren ersten Film. Der erste Teil ihres Künstlernamen ist Sascha Konietzko von der Band KMFDM entliehen, der zweite Part “Gray” stammt zum einen von Oscar Wilde’s Werk “The Picture of Dorian Gray”, zum anderen von der Kinsey-Skala zur Messung der sexuellen Orientierung, die eine breite Grauzone ergab.

Sie spielte in über zweihundert Pornofilmen mit und wurde in kürzester Zeit zum gefeierten Newcomer und schließlich zum Star der Branche. 2011 beendete sie jedoch ihre Karriere als Pornodarstellerin und verlegte sich seither auf Schauspielerei, Modeln, Musik und Fotographie.


Somebody’s Watching Me

Die Fotos im Bildband “Neü Sex” sind zwischen März 2006 und Dezember 2009 entstanden. Sie wurden entweder von ihr selbst, oder wenn sie dazu nicht in der Lage war, von ihrem Lebensgefährten Ian P. Cinnamon, geschossen. Die Abbildungen sind ohne jegliche Erklärungen oder Bildunterschriften abgedruckt, um dem Betrachter völlig freie Interpretation zu ermöglichen. Zu den Bilder führt Autorin ein:

“Einige meiner Selbstportraits stellen einen ironischen Blick auf mich selbst dar, auf mein starkes Make-up, die einfallslosen, grellen Dessous und die insgesamt mangelnde Kreativität der Macher vieler Videos, in denen ich mitspielte. Umgekehrt wollte ich in anderen Selbstportraits die Schönheit nach dem Koitus zeigen, insbesondere dann, wenn meine Erscheinung eigentlich das genaue Gegenteil davon ausdrückt, was als sexy oder schön gilt. Ich wollte die Stärke und Kraft einer Frau zeigen, die die Kontrolle ausübt, indem ich allein meine Ideen von Sexualität und Schönheit definiere ? und eben nicht die von anderen.”

Sexualität definiert Persönlichkeit

Zwischen die Bilder hat die Autorin Essays eingefügt, die sich teils mit ihren subjektiven Erfahrungen im Pornobusiness beschäftigen, zum größeren Teil aber gewährt sie einen Einblick in ihre Persönlichkeit, die sie hauptsächlich durch ihre Sexualität definiert. Sexualität ist in ihren Augen etwas schönes, wichtiges und erlebbares. Sie wehrt sich gegen stereotypische Bilder und Handlungsformen von Darstellern und betont immer wieder die Wichtigkeit, seine eigene Sexualität zu ergründen. Denn nur wer mit diesem Teil seiner Persönlichkeit offen umgehen kann, hat auch die Möglichkeit frei und stark zu sein, egal was Andere über einen denken.

In den Essays streift sie auch Themen, wie den Blick bei Sartre, Homosexualität, Bigotterie und die Unterdrückung der menschlichen Sexualität durch Scham und Moral. Einen großen Teil ihrer Aufsätze widmet Grey der Darstellung von Sex vor der Kamera für Geld. Denn ganz so einfach will das bei ihr nicht sein. Ihre Darbietungen vor der Kamera interpretiert sie als Kunst-Performance, in der es vor allem um die Erfüllung ihrer eigenen Vorstellung von Sex geht.

In einem Essay beschreibt sie Sex vor der Kamera als einzige Waffe, dir ihr in diesem Geschäft bliebe, sich selbst zu verwirklichen. Denn, wenn beispielsweise ein unerfahrener, unmotivierter oder einfach nur beschränkter Regisseur am Set sei, nimmt sie sich was sie braucht. “Wenn ich heute mit einem Regisseur (und ich verwende diesen Begriff hier recht frei) arbeite, der keinen Plan hat, mich aber trotzdem in Neon-Fummel oder eine Schuluniform steckt, dann nutze ich das zu meinem Vorteil und mache mir die Szene komplett zu eigen, allein durch meine Performance.” Der Sex vor der Kamera, von der Gesellschaft als schmuddelig abgestempelt, wird von ihr zur geradlinig zur Kunst erklärt.

David Santin (academicworld.net)


Sasha Grey. Neü Sex
Preis: 19,99 Euro. Heyne Hardcore

Das Werk stammt aus dem Hause Heyne, das seit 2005 mit der Kreation der Reihe Heyne Hardcore eine neue Richtung eingeschlagen hat. Unter dem Label “Hardcore” werden seitdem Bücher aus den Bereichen Erotik, Crime, Horror und Popkultur verlegt, die vor allem junges Publikum ansprechen. Kultig, rüde, pornographisch, authentisch und lustig geht es in der Bücherecke von Heyne Hardcore zu. Damit trifft, der zur Random House Gruppe gehörende Verlag, in der Epoche des Bildschirmlesens, den Nerv der Zeit und liefert gute Gründe mal wieder ein Buch aufzuschlagen.

Weitere Bücher aus der Heyne Hardcore-Reihe:

Malcolm Beith: El Chapo, der König der Narcos
Hunter S. Thompson: Der Fluch des Lono


Stand: November 2011

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