Mörderischer Sommer

Evie ist ein typischer Teenager: Immer auf der Suche nach mehr, dem Sinn des Lebens und ihrem Platz in der Welt. Da stolpert sie über Mädchen, die einer Art Kommune angehören – und ihr die gesellschaftliche Freiheit versprechen, von der Evie so träumt.

Mit der Trennung ihrer Eltern rutscht Evie Boyd als Teenager in eine absolute Sinnkrise: Gefangen zwischen der Entdeckung ihrer selbst, der Sehnsucht nach Zuneigung, Misstrauen gegenüber der Gesellschaft, Angst vor Zurückweisung und und und trifft sie auf ihre scheinbare Erlösung: Die Mädchen, die vollkommen frei scheinen und jenseits jeder Regel existieren. Sie leben in einer großen Gruppe junger Frauen rund um ihren Anführer Russell, der sie mit seiner Ausstrahlung um sich schart. Evie fühlt sich angekommen, aufgenommen – und wird stückweise in eine Parallelgesellschaft hineingezogen. Sie stiehlt, reist aus, bricht ein – mit jeder Handlung sinkt sie ein Stück tiefer und merkt es einfach nicht. Bis es zu spät ist.

Die Kritik

Mit knapp 11,5 Stunden Hörzeit ist das Buch keine kurze Geschichte, sondern relativ lang. Die Autorin schafft es aber bravourös, immer wieder Andeutungen über die Zukunft einzustreuen. So hält sie die Spannung und die Zuhörer definitiv bei Laune. Ihre Art zu erzählen ist sehr detailverliebt – man folgt quasi jeden Tag und jedem Gedanken der Hauptperson. Das macht aus der Geschichte ein super intensives Buch, bei dem die Zuhörer so stark in die Gedankenwelt von Evie eintauchen, dass man sich fühlt wie ihre beste Freundin.

Dass es ein Mordopfer geben wird und ein sehr brutales Verbrechen ist kein Geheimnis. Überraschend ist dabei aber, wer dabei noch sterben muss – und wer die Täter sind. Es ist ein sehr erbarmungsloses Ende einer Sommergeschichte, die eigentlich ganz harmlos begann. Mit den Morden ist die Geschichte aber noch nicht vorbei – die Autorin begleitet ihre Hauptperson aus den dramatischen Ereignissen in die sozusagen post-traumatische Realität. Dieses Hinauszögern hat ein wenig von „Die Moral von Geschicht'“, was dem realistischen Thema hinter der Geschichte aber nur gerecht wird:

Natürlich ist „The Girls“ nicht einfach ein Roman für die einfache Sommerlektüre, es gibt einen sehr ernsten Hintergrund: Denn sektenartige Gruppen wie in dieser Geschichte gibt es nach wie vor. Die Autorin illustriert die Argumentationsweise, mit der auch heute noch „Anführer“ Halbwahrheiten mit vermeintlicher Logik verknüpfen und so junge Menschen „selbst zum Schluss kommen lassen“, dass die Lebensweise der Sekte die richtige ist. Die Zielgruppe im Roman sind Teenager, die gerade auf der Suche nach ihrem Platz in dieser Welt sind. Und am Ende? Stellt die Autorin eine Frage, die niemand beantworten kann: Wer ist Schuld?

Zu guter Letzt: Mit Suzanne von Borsody wurde die perfekte Stimme für dieses Hörbuch gefunden. Auch wenn es eine erwachsene Frau ist, die die Geschichte eines jungen Mädchens erzählt. Sehr eindringlich, nicht aufdringlich, nicht einschläfernd, nicht zu aufgeregt – einfach optimal!

Fazit: Ein absolut grandioses (Hör-)Buch!

Bettina Riedel (academicworld.net)

The Girls. Emma Cline.
HörbuchHamburg. 24,00 Euro.
Ungekürzte Lesung!

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