Märchenhaftes Abenteuer

Inspiriert durch das berühmte Werk „Il Pentamerone“ des neapolitanischen Barock-Autors Giambattista Basile, wollte Regisseur Matteo Garrone ein Stück poetische Filmgeschichte schreiben. Ob er es geschafft hat? Immerhin sind die Academicworld-Redakteure noch mit den alten TV-Märchen aufgewachsen …

Alle Bilder: Concorde Home Entertainment
Alle Bilder: Concorde Home Entertainment

Alles erscheint möglich in den magischen Wäldern und weiten Ebenen einer märchenhaften Gebirgslandschaft, in der sich gleich drei Königreiche finden – deren Burgen und Schlösser sich über ihr Land erheben und die in Eintracht nebeneinander existieren. 

Der Kinderwunsch

Die melancholische Königin von Longtrellis wünscht sich nichts sehnlicher, als ein Kind zu bekommen. Schließlich genügt schon allein der Anblick einer Schwangeren, um sie in tiefste Depressionen zu stürzen. Ein Wahrsager wird konsultiert, der dem Königspaar offenbart, dass ein furchterregendes Seemonster getötet und ihm dann das Herz herausgeschnitten und von der Königin verzehrt werden muss. 

Der sexuelle Antrieb

Eine etwas andere Obsession hat der König des benachbarten Strongcliff: Er ist besessen von Sex. Keine Frau in seinem Reich ist vor seinen Nachstellungen sicher. Eines Abends hört er aus seinem Turmzimmer eine liebliche Frauenstimme. Wie gebannt beobachtet er die Unbekannte aus der großen Entfernung. Er verfolgt sie zu einem ärmlichen Haus, kann aber keinen Blick auf ihr Gesicht erhaschen. Wie von Sinnen beginnt der König, der Angebeteten Anträge zu machen. Er kann nicht wissen, dass Dora eine hässliche Greisin ist, die sich mit ihrer Schwester Imma das bescheidene Heim teilt. Zunächst wehren sie die Avancen des Königs ab, doch dann willigt Dora ein, den König aufzusuchen. Morgens wirft der König einen Blick auf die vermeintlich schüchterne Schöne – und ist entsetzt. Von seinen Wachen lässt er Dora aus dem obersten Turmfenster werfen. Tief stürzt sie in den immer grünen, zugewachsenen und verwunschenen Wald. Doch sie zerschellt nicht am Boden, sondern wird von einem Zauber ergriffen, der aus ihr eine bildschöne junge Frau macht. 

Die Zwangsheirat

Seit dem Tod seiner Frau zieht der König von Highhills seine Tochter Violet alleine groß. Er liebt sie, doch es fehlt ihm an echtem Interesse an der Prinzessin. Der König empfindet sein Dasein als trist – kurzerhand nimmt er sich einen Floh als Haustier – doch der stirbt sehr bald. Zum absoluten und tief empfundenen Entsetzen seiner Tochter lässt er dem Tier die Haut abziehen und aufspannen – wer errät, um was für eine Tierhaut es sich handelt, darf Violet heiraten. Es kommt, wie es kommen muss: Ein riesiger, ungeschlachter Oger kommt ins Schloss und löst das Rätsel. In seiner Höhle in der weit abgelegenen Höhle ist die Prinzessin dazu verdammt, niederste Arbeiten zu verrichten und dem Oger zu Willen zu sein. Alle Fluchtversuche sind zum Scheitern verdammt. Doch eines Tages …

Die Kritik

Das Manko vorab: Der Zuschauer wird unmittelbar in 3 unterschiedliche und zu Beginn nicht miteinander verwobene Erzählungen geworfen. Die Figuren untereinander sprechen sich so gut wie nie mit den Namen an. Insofern hat man quasi König 1 und 2 und 3, Tochter von 3, Gemahl von Tochter von 3, Sohn von 2 (obwohl ja eigentlich vom Seeungeheuer…), Zwillingsbruder vom Sohn von 2… Und so weiter. Insgesamt sind hier drei verschiedene Handlungsstränge nebeneinander erzählt, die am Ende nur oberflächlich miteinander verbunden sind. Da muss man erst mal seine Gedanken beim Zuschauen sortieren.

Und am Ende? Geht es nicht um große Schicksäle, die Könige und deren Söhne. Es geht um die Frauen. Die sind nicht nur hübsch, sondern stark, rücksichtlos, willens zu regieren und ihre Väter zu beerben, willens sich der Männer zu entledigen, die sie unterdrücken wollen. Der Film ist entsprechend blutig und brutal – bitte nicht denken, dass das ein hübscher kleiner Märchenfilm ist, den man mit seinen Kindern/Geschwistern schauen würde. Das Märchen der Märchen entlarvt das, was sonst unter dem Disney-Glitzermantel versteckt wird: Wie brutal die Welt ist und wie hart diese Geschichten sind, wenn man sie unter einer realistischen Brille betrachtet. Da ist nichts mit guter Fee und netten alten Hutzelweibern. Da wird das Pech auf die Haut geklatscht, um Falten wegzukleben. Da werden Kehlen aufgeschlitzt, Köpfe abgetrennt und so viel Blut dabei vergossen, dass auch Prinzessinnen hinterher nicht magisch sauber und blütenrein sind. 

Fazit

Jeder, dem Märchen manchmal zu nett sind, sollte sich diesen Film anschauen. Schonungslos, bildgewaltig, ohne bösen Humor – einfach ein was-wäre-wenn-Spielchen mit Märchen und der Realität. Mega!

Bettina Riedel (academicworld.net)

Das Märchen der Märchen.
Darsteller: Salma Hayek, Vincent Cassel, Toby Jones

Ab dem 10. März auf DVD, BD und als VoD im Vertrieb von Concorde Home Entertainment im Handel erhältlich.

Share.