Märchenhafte Zeiten

Märchen haben Hochkonjunktur. Und das längst nicht mehr nur für die lieben Kleinen. Betrachtet man nämlich das, was in den letzten Monaten, pünktlich zum 200. Jubiläum der berühmten “Kinder- und Hausmärchen”, auf den Film-, Serien- und Büchermarkt gedrängt ist, näher, stellt man rasch fest: Da ist für alle was dabei, die der Phantasie noch nicht abgeschworen haben.

Märchenhafte Zeiten
In Once Upon a Time verschlägt ein Fluch die Märchenfiguren in unsere Welt. 2012 © ABC Studios

Die Renaissance der Märchenwelten

Als Terry Gilliam 2005 Matt Damon und Heath Ledger in “Brothers Grimm” ohne Rücksicht auf Verluste durch verschiedenste Märchenmotive jagte, hat wohl niemand auch nur geahnt, welch umfassende Versorgung mit märchenhaften Stoffen auf Zuschauer und Leser wartete. Während aber Gilliam die Erzähler selbst zum Thema machte und quasi als fiktionale Geschöpfe neu erfanden, stützen die Mehrzahl der anderen Werke sich mehr auf die von den Brüdern gesammelten und veröffentlichten Geschichten. Eine interessante Schnittmenge bietet da lediglich die aktuell auf Vox ausgestrahlte Serie “Grimm”. Hier muss sich mit Detective Nick Burkhardt ein leibhaftiger Nachfahrer der Gebrüder Grimm mit seinem Erbe auseinandersetzen. Denn: Nur Grimms können hinter die Fassade der Menschen blicken. Sie erkennen, wenn der Postbote eigentlich ein böser Wolf ist. Das Ganze wird dann auch in veritabler Gruseloptik präsentiert und: Happy End ist eher keine Option.

Etwas friedlicher gestaltet sich da schon die andere Serienoption zum Thema Märchen. In “Once Upon a Time – Es war einmal” werden die Märchengestalten zwar auch mit moderner Realität konfrontiert, die Ursache ist aber eine gänzlich märchenhafte. Schneewittchens böse Stiefmutter war mächtig sauer, als die kleine ihren Märchenprinz heiratete. Unterstützt von Rumpelstilzchen  kommt es also zu einem garstigen Fluch: Alle Einwohner der Märchenwelt landen in einer garstigen Welt ohne Happy End-Garantie – in unserer Welt. 28 Jahre lang leben sie nun schon in der zeitlosen Stadt Storybrooke, als Schneewittchens Tochter zurückkehrt um den Fluch zu brechen. Leider hat weder sie noch irgendeiner der Einwohner eine Ahnung wer er ist … 

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Märchenhafte Zeiten
Hänsel und Gretel schlagen zurück. © Paramount

Schneewittchen & Co.

Überhaupt: Die Inszenierung von Schneewittchen oder englisch Snow White als starke, tatkräftige Heldin scheint generell momentan up to date zu sein. Allein zwei stargespickte Kinoversionen präsentierte uns das letzte Jahr. In “Spieglein, Spieglein” schickt Tarsem Singh optisch opulent, wie von ihm zu erwarten, Lily Collins und Armie Hammer in den Kampf gegen die böse Stiefmutter Julia Roberts. Rubert Sanders versucht es in “Snow White & the Huntsman” mit einem ernsteren Tonfall. Bei ihm verbündet sich Schneewittchen Kristen Stewart mit dem Jägersmann Chris Hemsworth gegen Stiefmutter Charlize Theron. Versucht epische Schlacht inklusive. So  restlos überzeugt hat keine der Neuauflagen, unterhaltsam sind sie aber beide. Da bleibt die Frage poppig-bunt oder düster-ernst Geschmacksfrage.

Fast einhellig durch gefallen ist dagegen die 2011er Filmversion von Rotkäppchen. Zu sehr auf die Twilight-Klientel ausgerichtet sein “Red Riding Hood – Unter dem Wolfsmond” gewesen. Vielleicht aber auch einfach zu wenig durchdacht. Optische Effekte täuschen eben nur bis zu einem gewissen Grad über eine fehlende Story oder logische Lücken hinweg. Da sollte man sich dann nicht so ernst nehmen. Bewusst trashig versucht es deshalb aktuell Tommy Wirkola mit “Hänsel und Gretel: Hexenjäger”. Darin erzählt er die Geschichte der in der Kindheit traumatisierten Geschwister blutig weiter. Als Erwachsene sind Hänsel (Jeremy Renner) und Gretel (Gemma Arterton) nämlich richtige Stars. Sie ziehen als Hexenjäger durch die Lande und fahren schon mal schwere Geschütze auf.

Deutlich beschaulicher die deutsche Variante: Auf 26 Einzelfilme bringt es die öffentlich-rechtliche, Anfangs “6 auf einen Streich” genannte, Märchenstunde. In wundervoller Kulisse gibt sich hier, bei behutsamen Versuchen die Märchenklassiker zu modernisieren, das Who ist Who der deutschen Schauspielerei die Klinke in die Hand. So wird es wohl auch in diesem Jahr zu Weihnachten wieder heißen: Es ist Märchenzeit. 

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