Literarische Gedenktafel für eine Stadt

Berlin in den 80er und 90er Jahren – die Kulisse für die letzten Jahre der DDR, eingeschlossen zwischen ehemaligem Wirtschaftswunder, Kalter Krieg und der Stasi. Mittendrin lebt Georg Authenrieth, der in „Apollokalypse“ seinen Erinnerungen nachhängt.

Der ich-Erzähler ist sich nicht so ganz sicher: Gibt es ihn? Ist er der Mann, von dem er erzählt? Das könnte nämlich Georg Authenrieth sein, der mit seiner akademischen Karriere bricht und irgendwie so nebenher mal in Berlin, mal in Franken, mal in München unterwegs ist. Wird er in der DDR von der Stasi beobachtet? Gehört er zur RAF? Könnte sein, vielleicht aber auch nicht. Seine Freunde verfrachtet er auch mal in die geschlossene Anstalt, nimmt sich deren Freundin und reist mit ihr in die Staaten. Sexuell ist er sehr umtriebig und doch vollkommen leidenschaftslos. Andere seiner Geliebten lässt er in seiner Geschichte einfach irgendwann unter den Tisch fallen oder von einer Baggerschaufel erledigen. Dann begeht er einen Anschlag, von dem er anscheinend nicht im geringsten weiter beeinflusst wird. und immer zieht es ihn nach Berlin, wo die Großeltern der heutigen Hipster noch viel hipper waren. In der Vergangenheit war die Zukunft einfach noch besser, nicht wahr?

Die Kritik

Mit den ersten Worten wird die Hauptperson eingeführt – ein „ich“, obwohl später die persönlichen Identitäten des Georg Authenrieth noch erweitert werden. Der werte Herr könnte also gelebt haben oder nicht. Er könnte sich richtig erinnern oder nicht. Die gesamten 426 Seiten wirken deswegen sehr substanzlos und eher flüchtig. Nach der Einführung der Hauptperson redet der Autor erst mal los. Es gibt keine klare, längerfristige Handlung, die angedeutet wird – und für den Leser hilfreich sein könnte zum entlang hangeln. Aber nein, worauf man sich bei dem Buch eingelassen hat, erfährt man nie so richtig.

Vielmehr wird einfach so vor sich hin erzählt, werden Zeitsprünge absolviert und der Leser fragt sich: Wohin soll das Ganze gehen?“ Bis kurz vor dem Ende ein kleines Familiendrama offenbart wird, was aber trotzdem keine klassische Auflösung des Romans bietet. Alles in allem lässt sich nur sagen: Sehr seltsam. Die Figuren, ihre Zusammenhänge, hauptsächlich aber die Gedanken der Hauptperson. Teilweise springen die nämlich von Absatz zu Absatz zu neuen Themen, sodass viel erzählt wird, was vollkommen überflüssig scheint. Sätze wie „Pünktliuch mit dem 1. April begann der April und hörte fast den ganzen April nicht mehr auf, den April zu spielen.“ zeigen, wie vielschichtig die Wahrnehmung der Hauptperson ist und die des Lesers sein muss, um sich auch nur ansatzweise in das Geschehen hineindenken zu können. Das verkompliziert das „Lesevergnügen“ aber einfach zu stark.

Was man dem Buch und dem Autor zugute halten muss: Die Sätze sind meistens gut verständlich. Oft wird der Begriff „moderne Literatur“ gleichgesetzt mit „Ich muss genauso kompliziert schreiben wie James Joyce, sonst ist das Buch nicht intellektuell genug.“. Diese Ansätze finden sich durchaus auch hier, aber eben nur in geringerem Maße.

Einzig wirklich interessant: Was es mit dem Kunstwort „Apollokalypse“ auf sich hat.

Das Fazit: Kompliziert, wenig sinnvoll, zu wirr. Meines persönlichen Erachtens leider kein gelungenes Beispiel für moderne Literatur.

Bettina Riedel (academicworld.net)

Gerhard Falkner. Apollokalypse.
berlin Verlag. 22,00 Euro.

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