Life goes on – somehow

Die Poesie des Untergangs, der Apokalypse, scheint aktuell ein großes Thema zu sein. Lars von Triers “Melancholia” lässt die Welt zu Wagner Klängen untergehen und auch David McKenzies “Perfect Sense” schlägt in diese Kerbe. Ein Film, der unter die Haut geht. Jetzt auch auf Blu-ray und DVD zu haben.

Perfect Sense

Riechen

Susan (Eva Green) ist Epidemiologin, Michael (Ewan McGregor) Chefkoch. Beide  leben für ihre Arbeit, mit der Liebe haben sie wenig gute Erfahrungen gemacht – was ihn zum Aufreißer werden lies, sie zur Zynikerin. Trotz Erfüllung im Job scheinen sie ihr Dasein bisweilen als eher sinnlos zu empfinden – dabei sollen sie erst noch erfahren, was ein “sinnloses” Leben bedeutet. Schon muss Susan sich beruflich mit einem seltsamen Fall beschäftigen: ein Mann hat erst einen emotionalen Ausbruch und nach dessen Ende den Geruchssinn verloren. Noch bevor man sich näher damit auseinander setzen kann häufen sich vergleichbare Fälle weltweit. Eine Pandemie? Ein Akt des Terrorismus? Der Film präsentiert keine rechte Erklärung.

Als Susan und Michael sich in dessen aufgrund der Vorfälle leerem Restaurant befinden kommen sie sich näher – sie scheinen sich gut “riechen” zu können. Noch. Gemeinsam erleben sie den Ausbruch der Krankheit (?) bei sich selbst, finden aneinander halt. Obwohl sie es noch nicht so recht glauben wollen, dass sie ausgerechnet in diesem allgemeinen Krisenzustand Liebe finden.

Schmecken

Bei den beiden und auch bei der gesamten Menschheit zeigt sich, nachdem auch der letzte seine olfaktorischen Fähigkeiten eingebüßt hat, ein beachtlicher Überlebensinstinkt. Man passt sich an die neuen Gegebenheiten an, flüchtet sich in die Normalität. Dann wird das Essen eben stärker gewürzt. Gut die Parfumindustrie wird wohl leiden, aber der wahre Verlust, so der Film, sind die vielen Erinnerungen, die der Mensch an Gerüche knüpft und die nur zu schnell verblassen.

Kaum hat man sich aber an diese Wahrnehmungseinschränkung gewöhnt, bricht neues Unheil über die Welt herein: nach einer eminenten Hungerattacke, wo von der Literflasche Öl bis zum Lippenstift alles in die Hälser, der Menschen wandert, die im wahrsten Sinne des Wortes außer sich zu sein scheinen, verschwindet auch der Geschmackssinn aus der Welt. Doch die Menschen entwickeln auch hierfür alsbald Kompensationsmöglichkeiten. Sogar Michaels Arbeitsplatz, das Restaurant, bleibt nicht leer. Noch hoffen viele, dass es dabei nun bleibt, dass es bloß die beiden “chemischen Sinne” sind, die die Menschheit künftig entbehren muss.

Eine beeindruckende Intimität stellt Regisseur David Mackenzie im Augen der Katastrophe her, enorm was seine beiden Hauptdarsteller leisten, die so intensiv und leidenschaftlich spielen, dass die intimen Momente der beiden das Chaos in der Welt draußen fast nebensächlich erscheinen lassen.

Hören

Die beständige Hoffnung aller ist: Schlimmer kann es jetzt aber doch wirklich nicht mehr werden. Aber wie es nun einmal so ist: es ward schlimmer. Wir kennen das Spiel mittlerweile ja. Erst kochen die Emotionen hoch, dann bleiben die Sinne weg und die Welt stürzt ins Chaos – um sich anschließend wieder zu beruhigen. Nur ist es im dritten Anlauf besonders übel. Das liegt zum einen darin begründet, dass dieser emotionale Ausbruch sich durch Hass und Gewalt äußert. Auch die Liebenden im Zentrum der Geschichte werfen sich – im wahrsten Sinne des Wortes – hässliche Dinge um die Ohren, solange diese noch in der Lage sind den anderen zu hören.

Bald liegen die Seelen noch bloßer, als sie es bisher schon taten. So verletzlich die ganze Situation die Menschen macht, so eindrucksvollen schlagen die Gewaltexzesse zu Buche. Ein Klima der Bedrohlichkeit und Hilflosigkeit überzieht den Erdball. Es herrscht Angst und  Panik unter den Menschen. Aber nicht für immer. Auch diesem schrecklichen globalen Schicksalsschlag begegnen die Massen mit Anpassung. Man beginnt sich für das Schlimmste zu wappnen: die ewige Finsternis.

Rezension "Perfect Sense"

Sehen

Um dem Verlust der letzten Kommunikationsmöglichkeit nicht gänzlich hilflos gegenüber zu stehen gibt es plötzlich “Blindenkurse”. Die Menschen rücken wieder enger zusammen. Auch Susan und Michael, die von der Katastrophe erst zusammengeführt, dann jäh auseinandergerissen wurden, finden sich im letzten “Augenblick” wieder.

Noch ein letztes Mal kontrastieren die weichen, anmutigen Bilder der Romanze mit grellen, hart und schnell aneinander geschnittenen Aufnahmen aus dem kulturellen Nachrichten- und Katastrophengedächtnis. Dann wird es dunkel.

Fühlen

“Perfect Sense” ist ein zärtlicher Film, der des Nachsinnens bedarf, der sich erst in den Gedanken und Überlegungen, die er auslöst, entfaltet – ein schnelles Urteil kann ihm nicht gerecht werden  Auf jeden Fall ist dieser Film ein hartes Stück Arbeit – trotz der feinsinnigen Poesie, die ihn kennzeichnet. Er wirft, auch durch das offene Ende viele Fragen auf: Was, wenn auch der letzte Sinn schwindet? Welchen Sinn hat überhaupt ein “sinnloses” Dasein? Was bleibt? Das Gefühl. Ist es das: der perfekte Sinn – der “perfect Sense”?

Sicher ist: Wenn die Tür des Kinosaals sich öffnet, geht man mit wachen Sinnen in die Welt: die Augen und Ohren, die Nase offen für Farben und Töne und Gerüche. Die Botschaft des Films könnte etwa diese sein: Was zählt ist nicht das, was wir verlieren, sondern das, was bleibt. Versuchen wir zu überleben – irgendwie.

Gisela Stummer (academicworld.net)

Perfect Sense

Regie: David Mackenzie
Darsteller: Ewan McGregor, Eva Green, Ewen Bremner, Stephen Dillane und andere

Im Verleih von Senator Film


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