Kraftvolle Erinnerungen

„Die verborgenen Ufer“ ist der autobiografische Roman des vielfach ausgezeichneten Schriftstellers und Dramaturgen Christian Haller. Ein klarer und bildhafter Sprachstil sowie die Kunst, den Leser mitreißend in seine Vergangenheit zu ziehen, zeichnen dieses Werk aus.

Sein Leben lang beherrschte der Schweizer Autor Christian Haller die Kunst des Verdrängens. In Tagträumen gefangen, blickte er der Realität oft nicht ins Auge – bis zu dem Tag, als mit einem lauten Knall das Hochwasser die Terrasse seines Hauses mitreißt. Ihm wird bewusst, dass das Leben eine verletzliche Angelegenheit ist und es gibt für ihn nur einen Weg, mit dem erschütternden Ereignis umzugehen: Erzählen, schreiben und  reflektieren. Seine Schilderungen beginnen mit den ersten vagen Erinnerungen seiner frühesten Kindheit. Schon früh hat er einen eigenen Sinn für Ästhetik  fühlt sich in der konservativen Atmosphäre seiner Umgebung unbehaglich.

Seine Eltern und Lehrer erwarten, dass er einer handfesten Tätigkeit nachgeht. Der junge Christian Haller spürt, dass er diesem vorbestimmten Weg nicht gerecht werden kann. Sein Interesse gilt den schönen Künsten und dem feingeistigen Leben. Obwohl er nach der Schule die berufliche Laufbahn des Lehrers einschlägt, landet er später in einer kleinen Buchhandlung, die vor dem wirtschaftlichen Ruin steht. Sein gesamtes Leben entzieht er sich gesellschaftlichen Konventionen und eifert den großen Dichtern und Denkern nach. Oft flüchtet er sich in narzisstische Träume, die ihn in seine Wunschwelten tragen. Eine langersehnte Erfüllung manifestiert sich schließlich in einer großen Leidenschaft für das Theater. 

Spannend und eingängig

Christian Haller liefert mit „Die verborgenen Ufer“ nicht nur eine spannende Autobiografie, sondern auch eine eingängige Gesellschaftsstudie über die Lebens- und Moralvorstellungen des 20. Jahrhunderts. In der ersten Hälfte des Buches sind es vor allem frühe Kindheitserinnerungen, die er als farbliche und emotional gekoppelte Wahrnehmungen schildert. So gelingt es ihm kraftvoll, die Perspektive eines Kleinkindes zu vermitteln. Auch im weiteren Verlauf der Erzählung liegen die Stärken der Biografie in dem bildhaften und klaren Sprachstil. Christian Haller vermag es, den Leser gänzlich in sein Leben zu ziehen. Dabei ist er Beobachter, der weder wertend noch theatralisch über Misserfolge berichtet. Höhen und Tiefen geschehen und führen ihm letztlich zu dem Leben, das er führen möchte. Damit gibt er eine wichtige Lektion an seine Leserinnen und Leser weiter: Der Weg ist oft steinig und selten geradlinig, doch seiner Bestimmung muss der Mensch folgen. 

Alena Hegedüs 

Die verborgenen Ufer. Christian Haller. 
Roman Luchterhand. 19,99 Euro.

Share.