Jack the Ripper – in der St. Pauli-Edition

Fritz Honka war so etwas wie Hamburgs Jack the Ripper. Der gefürchtete Serienmörder von der Reeperbahn brachte von 1970 bis 1975 mehrere Frauen um, zerstückelte sie und versteckte Teile der Leichen in seiner eigenen Wohnung. Ein wahrer Meilenstein der deutschen Kriminalgeschichte, der von Heinz Strunk als True-Crime-Geschichte in Romanform aufgearbeitet wurde.

Der gebürtige Leipziger Fritz Honka ist Ende 30, alkoholabhängig, einsam, arm, entstellt, minderbemittelt und im wahrsten Sinne des Wortes „mordsgefährlich“.
In Hamburg-Altona fristet er ein trostloses Leben. Die meiste Zeit verbringt er in den Kiezkneipen von St. Pauli, wie dem „Goldenen Handschuh“ und anderen Absturzkneipen, zu deren Stammgäste Fiete – wie er dort gemeinhin genannt wird – gehört.
Die Klientel dieser Spelunken entstammt hauptsächlich der untersten Unterschicht. Alkoholiker, Zuhälter, Penner, Kranke, Irre, Alte und andere verlorene oder verwirrte Seelen, die zum Bodensatz der Gesellschaft zählen. Das einzige angestrebte Ziel der dort Versammelten: Vollsuff – und das so schnell und billig wie möglich. Die Stimmung ist dementsprechend: Gewalt, Beleidigungen, Obszönitäten und Streit sind an der Tagesordnung. Die Kommunikation der Anwesenden besteht aus den immer gleichen lallend erzählten Geschichten, die sich wie in Endlosschleife wiederholen. Oder es wird sich angeschwiegen, aneinander vorbeigeredet, aufeinander eingebrüllt.
Für Honka hat der „Handschuh“ noch eine weitere wichtige Funktion, denn hier lernt er Frauen kennen; arme, alte, verkommene, wohnungslose Frauen, die für einen Schnaps zu Fiete mit nach Hause gehen und mit ihm schlafen. Dieser nutzt deren Situation schamlos aus und quält, demütigt und entrechtet sie, indem er sie schlägt, einsperrt und missbraucht. Er verpflichtet sie sogar vertraglich dazu, keinen eigenen Willen mehr zu besitzen und macht sie damit zu seinen Leibeigenen. Er mag das Gefühl der Macht, die er über seine Opfer besitzt. Die abartigsten Dinge erregen ihn und er verlangt nach immer mehr Sex. Eine Weile läuft es ganz gut so. Die Frauen sind froh, ein Dach über dem Kopf und regelmäßige Alkoholrationen zu haben, um ihre Sucht befriedigen zu können. Doch irgendwann wird es ihnen zu viel. Sie versuchen sich gegen Honka zur Wehr zu setzen oder abzuhauen, was sich jedoch als folgenschwerer Fehler erweisen soll…

Parallel dazu spielt sich in einer Villa in einem der teuren Elbvororte Hamburgs ein weiteres lebenslanges Drama ab. Den Angehörigen der reichen hanseatischen Familie von Dohren  mangelt es zwar nicht an Geld, doch dafür mindestens genauso sehr an Glück, Liebe und Menschlichkeit wie Fritz Honka. Karl der Dritte, der jüngste Spross der von Dohrens, steckt mitten in der Pubertät, hat eine leichte Behinderung und ist alles andere als ein Mädchenschwarm. Als sich dann doch endlich eine für ihn zu interessieren scheint, möchte er Eindruck schinden, indem er sich als großen Kiezkenner aufspielt und seiner Angebeteten den „Goldenen Handschuh“ zeigt.

Die Kritik

Es ist ein heftiges Thema, das der Autor in diesem Roman behandelt. Doch er schafft es, daraus eine eindrucksvolle Geschichte zu machen, die sehr anschaulich beschrieben ist und Fritz Honka nicht nur als Täter zeigt – sondern vor allem auch als Opfer. Strunk gelingt es, ein außergewöhnlich realistisches Bild von ihm zu zeichnen, das dem Leser auch Einblicke in dessen schlimme Vergangenheit gewährt. Die besteht größtenteils aus Misshandlung, Verwahrlosung und Angst. Honka war damit quasi von Anfang als Verlierer prädestiniert, der in das im Buch beschriebene Milieu hineingewachsen ist und trotz mehrerer Versuche keinen Weg hinaus fand. Auch von diesem Milieu vermittelt der Autor den Lesern einen erschreckend intensiven Eindruck, der so real ist, dass man zeitweise das Gefühl bekommt, selbst mittendrin zu sein. Dies gelingt ihm nicht nur durch die Beschreibung alleine, sondern vor allem auch durch die der Situation angepasste vulgäre Sprache und spezielle Begrifflichkeiten, die wohl nur in dieser Umgebung benutzt werden. Trotz der Ernsthaftigkeit dieser Thematik finden sich auch immer wieder Stellen, die einen zum Schmunzeln bringen, sodass es Spaß macht, das Buch zu lesen. Oft ist es auch gerade dieser „Assi-Slang“, der den Witz ausmacht und für den einen oder anderen heftigen Lacher sorgt.

Die vom Autor eingeschobene Geschichte um die elitäre Familie von Dohren sorgt dafür, dass dem Leser vor Augen geführt wird, dass Verwahrlosung und seelische Armut sowie Alkoholismus und der Verlust sozialer Verhaltensweisen kein Phänomen der Unterschicht ist. Dies ist lediglich ein hartnäckiges Klischee, denn diese Elemente finden sich in allen Kreisen. Das zu verdeutlichen, schien Strunk wohl sehr wichtig zu sein. Die Parallel-Geschichte an sich fand ich jedoch leider nicht wirklich interessant, aber da ohnehin meist nur kurze Abschnitte davon handelten, war das in Ordnung.
Mein einziger Kritikpunkt ist dem Umstand geschuldet, dass Honkas Morde erst ziemlich am Ende des Buches thematisiert werden und deren Ausführung dann leider auch relativ knapp ausfällt. Außerdem endet der Roman mit Honkas letztem Mord. Die Ermittlungen der Polizei sowie die Überführung und die Verurteilung des Täters werden nicht mehr richtig mit in den Roman aufgenommen. Diese werden lediglich am Ende als Postskriptum kurz und sachlich wiedergegeben.

Fazit: Insgesamt war es auf alle Fälle ein sehr gutes und interessantes Buch, das ich gerne gelesen habe und mit gutem Gewissen – nicht nur an True-Crime-Fans –  weiter empfehlen kann. Man sollte sich nur darüber im Klaren sein, dass das Hauptaugenmerk eben nicht auf Honkas Verbrechen liegt, sondern vielmehr im Eintauchen in die gesamte trostlose Umgebung und das Beleuchten von Unglück und Einsamkeit.

Kleiner Zusatz am Rande: Die Kneipe „Zum Goldenen Handschuh“ wird heute übrigens auch „Honka-Stube“ genannt – na wenn das mal keine Lust macht dort ein gemütliches Bierchen trinken zu gehen! 😉

Tabea Hornung (academicworld.net)

Heinz Strunk. Der goldene Handschuh.
Rowohlt. 19,95 Euro.

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