In den Fängen der Elektrizität

Das Jahr ist 1893 und die junge Bell Bennett läuft aus dem Hause ihres Vaters in New York fort, um zur Weltausstellung in Chicago zu fahren. Eine Reise, die zu einer ziemlichen Odysee voller skurriler und gefährlicher Gestalten wird …

Bell Bennett ist eine junge, verwöhnte und reichlich dickköpfige Dame, die sich Ende des 19. Jahrhunderts auf den Weg zur Weltausstellung in Chicago macht. Allein, selbstverständlich. Ohne vorherige Ankündigung bei ihrem Verlobten Rick, der sie niemals hätte ziehen lassen. Er ist eher der Auffassung, dass er seine kleine Bell streng führen müsse. Sie jedoch zweifelt immer mehr an der gemeinsamen Zukunft. Erst recht, als ihr Zug überfallen wird, dann noch wegen eines technischem Defekts liegen bleibt und sie am Straßenrand von einem einsilbigen Typ auf einem Karren aufgelesen wird.

Der Mann entpuppt sich als Henry Tyner, seines Zeichens verurteilter Mörder, der eigentlich auf dem elektrischen Stuhl hätte landen sollen – als erste Hinrichtung damit überhaupt. Dieses Mordinstrument wird auch auf der Weltausstellung zu sehen sein und wurde von niemand anderem als Dr. Tesla entwickelt. Dessen Steckenpferd ist die Elektrizität, was ihn in Bells Welt zu einer Art Held macht. Denn sie ist vom Fortschritt hin und weg. Egal, welche Hindernisse sich ihr in den Weg stellen: Sie muss nach Chicago!

Die Kritik

Die Autorin macht eines sehr geschickt: Verschiedene Geschichten miteinander zu verweben. Einmal die Liebesgeschichte zwischen Bell, Rick und Henry, die sich allerdings recht leicht voraussehen lässt und zweifelsfrei für junge Mädchenherzen gemacht ist.

Um die Geschichte über diese Oberflächlichkeit hinwegzuretten, gibt die Autorin ihrer Protagonistin einen ernsthaften Hintergrund: Sie will eine der ersten weiblichen Journalisten sein und über technische Themen schreiben. Als Tochter eines Zeitungsmagnaten ist sie hierfür allerdings prädestiniert, sodass sie nicht wirklich für diesen Traum kämpfen muss. Stattdessen meldet sie sich hübsch regelmäßig bei Daddy, um kundzutun, wo sie gerade ist. Trägt brav ihre Perlenohrringe und erringt das Interview mit Dr. Tesla nur, weil ihr Daddy ihr am Telefon einen heißen Tipp unter der Hand weitergereicht hat. Die sich schon unterwegs permanent von Männern retten und helfen lassen muss, erst recht am Ende!

Wenn man dann noch bedenkt, dass das gesamte Buch softrosa gebunden ist (ausgerechnet!), zwingt sich der Stempel „chic-lit“ extrem stark auf. Damit wären wir leider wieder beim Thema Oberflächlichkeit angekommen: Unter dem Schein einer selbstbewussten, jungen Hauptperson steckt nichts anderes als ein klischeehaftes Frauenbild. Sehr schade!

Daneben zeigt sich immer deutlicher, dass im Hintergrund von Bells Geschichte ganz andere Fäden zusammenlaufen: Die Mafia scheint den Präsidenten ermorden zu wollen, der Erfinder Tesla entstammt aus einem osteuropäischen Land und gilt daher als wenig vertrauenswürdig und Henry muss es irgendwie schaffen, seine Haut zu retten. Gerade dieser Handlungsstrang rund um den Mord an Henrys Vater lädt leider wenig zu Spekulationen ein und sorgt damit kaum für Spannung. Besser gelungen ist das Netz, das rund um die Mafia und deren Boss, den Maulwurf gestrickt wurde.

Mit dem Twist am Ende macht die Autorin wieder etwas Boden wett. Positiv hervorzuheben ist, dass die Geschehnisse rund um die Weltausstellung super recherchiert sind. Die Anspannung der Welt zu einer Zeit, in der es noch große Entdeckungen zu machen galt, ist geradezu greifbar. Der Wettlauf rund um Wechsel- und Gleichstrom ist der Ausgangspunkt für enorme Verschörungstheorien und ist das, was die Leserin (männliche wird es nicht geben) ein wenig bei der Stange hält.

Das Fazit: Nette Unterhaltung für ganz junge Frauen um die 14 Jahre, die diese angenehm unterhält und sich flüssig liest.

Bettina Riedel (academicworld.net)

Isabel Beto. Das Leuchten der Welt.
Dumont Verlag. 14,99 Euro.

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