Im Netz der Zwischenmenschlichkeit gefangen

Er ist einer von vielen Soldaten, die nach dem Ende des Ersten Weltkriegs wieder zurückkehren: Eugen Faber. Er ist genausowenig der einzige, der bei der Rückkehr auf Probleme stößt – sein Umfeld und er prallen wie unterschiedliche Welten aufeinander.

Eugen Faber kehrt nach Jahren der russischen Gefangenschaft aus dem Ersten Weltkrieg zurück. Körperlich ist er unversehrt, aber seelisch mitgenommen. Daher wendet er sich nicht etwa sofort seiner Frau zu, sondern stattet erst seinem ehemaligen Erzieher Fleming einen Besuch ab. Der geht schief, denn dieser lebt fest in seiner eigenen Welt und schafft es scheinbar nicht, hinter die Grenzen seiner Wahrnehmung zu sehen – er behandelt Faber wie den Mann, der einst in den Krieg zog. Genauso geht es ihm mit seiner Mutter und anschließend seiner Frau Martina – die zu allem Überfluss darauf besteht, etwaige Verhaltensfehler seinerseits einfach wegzulachen. Eugen Faber ist daheim, aber noch lange nicht angekommen.

Martina hatte es mit ihrem Sohn während des Krieges natürlich auch nicht leicht, sodass sie sich dem Einfluss einer „Fürstin“ anheim gegeben hat. Diese scheint eine Wohltäterin zu sein, doch nimmt sie Martina sehr stark in Beschlag. Das macht es Faber umso schwerer, seinen Platz in der „alten Welt“ zu finden und treibt einen Keil in die Beziehung.

Es dauert eine Weile, bis er sein eigenes Unrecht erkennt – denn er kehrt zurück, erwartet seinen angestammten Platz und außerdem als der Mann akzeptiert zu werden, der er jetzt ist. Er tritt also plötzlich auf die Bühne und fordert. Dass sein gesamtes soziales Umfeld sich ebenfalls geändert haben könnte, darauf verschwendet er anfangs keine Gedanken. So führt der Autor ganz charakteristische Nebenfiguren ein, obgleich der Hauptfokus auf Faber liegt: Sein Sohn hat die ersten Lebensjahre ohne ihn verlebt und bemüht sich nun, eine Beziehung zu ihm aufzubauen. Dessen Gedankenwelt als Kind ist wenig überraschend super intuitiv und überraschenderweise wesentlich komplexer, als es Kindern in solchen Büchern in der Regel zukommt.

Martina hat um sich selbst gekämpft und ein selbstständiges Leben aufgebaut. Sie hat eine bezahlte Arbeit und zieht ihre Zufriedenheit nicht mehr nur aus dem reinen Hausfrauendasein. Daran muss der werte Herr Faber sich erst einmal gewöhnen, denn es passt so gar nicht zu dem Bild, das er von seiner Frau hat. Fides ist die Witwe eines ,Philosophen‘ und arbeitet bei Martina, um über die Runden zu kommen. Sie wird für Eugen Faber quasi zum ruhigen Gegenpol seiner Frau Martina, schon weil die ihm viel besser zuzuhören scheint. Von ihr fühlt er sich natürlich angezogen, das merkt man schon im ersten Moment. Fleming, der alleinstehende Lehrer, beobachtet diese sozialen Netze von außen und dokumentiert sie bis ins Genaueste – zweifelsfrei, um auf diesem Weg auch irgendwie Teil des zwischenmenschlichen Miteinanders zu werden.

Wer das Buch liest, dem kommt ein Gedanke garantiert nicht: Dass es Mitte der zwangziger Jahre geschrieben wurde. Mitten in den Roaring Twenties also, als jedermann sich mit Federn schmückte und niemand sich mehr an den Krieg erinnern wollte. Trotz seines Alters sind die Sätze relativ unkompliziert und gut verständlich. Wenn man etwas über die Geschichte nachdenkt, kommt es einem sogar vor wie eine moderne Erzählung. Die Politik ist zwischen links und rechts hin- und hergerissen. Menschen zwischen 25 und 35 werden als „Generation beziehungsunfähig“ bezeichnet – die Parallelen also erschreckend modern. Dabei baut sich die Geschichte ganz sanft und allmählich auf. je mehr Charaktere hinzukommen und Faber aus dem Konzept.

Was ich sehr faszinierend fand war die Art, mit der sich das Denken des Lesers erst mit Faber synchronisiert und man voll hinter seiner Figur steht. Natürlich merkt man dann, dass er mit seinem Verhalten eigentlich gar nicht so richtig Recht hat – und ändert seine Meinung ganz analog zu Faber selbst. Eine super gelungene Art, um den Leser sich selbst vorzuführen und zu ermahnen, den Sichtkreis auf das soziale Leben doch etwas zu erweitern.

Ich könnte nun noch weitere Absätze hinzufügen, denn das Buch hat mich ordentlich beschäftigt und wirkt immer noch nach – was recht selten ist. Deswegen kann ich hier nur sechs von fünf Sternen vergeben und mich fast ein wenig dafür entschuldigen, dass die Nazis seine Bücher verbrannt haben.

Bettina Riedel (academicworld.net)

Jakob Wassermann. Faber oder Die Verlorenen Jahre.
Manesse. 26,95 Euro.

Share.