„Im Krieg musst du ein Arschloch sein“

Julius ist eigentlich ein ganz normaler junger Kerl – bis der Erste Weltkrieg heranrollt und sein ganzes Leben auf den Kopf stellt. Und zwei seiner Freunde innerhalb weniger Momente ins frühe Grab bringt…

Sie sind vier ganz normale Jungs, die in einem kleinen, sächsischen Dorf aufwachsen; Julius, Claus, Erich und Theo. In ihren Familien gibt es häusliche Gewalt, die Geschlechterrollen sind fest definiert und die erste Liebe lässt alle Hormone wild durch die Körper hüpfen. Dann wird der Erste Weltkrieg ausgerufen und alle jungen Männer melden sich freudestrahlend zum Krieg – bis auf Erich, der mehr oder weniger von Julius überzeugt wird. Nicht nur für Julius werden die nächsten 10 Monate zur Hölle. Denn wo die Menschheit sich bekriegt, passieren die schlimmsten Dinge – und stellen sich unfassbar viele Schuldfragen. Würden wirklich zwei der drei Freunde von Julius noch leben, wenn er nicht gewesen wäre? Dieser Meinung ist er jedenfalls, als er nach diesen zehn Monaten in einer kleinen französischen Kirche sitzt und sich selbst umbringen möchte. Der Pfarrer unterbricht sein Vorhaben auf höchst unpathetische Weise – und lässt Julius nicht einfach wieder gehen. Das ungleiche Gespann erlebt die nächsten Tage zusammen in dem vollkommen ausgebombten Dorf. Offiziell sind sie eigentlich Feinde, doch Julius fasst Vertrauen und hebt zu einer ungewöhnlichen Kriegsbeichte an…

Die Kritik

Die Positionierung der Charaktere finde ich ungewöhnlich und gut gelungen. Denn in der Gegenwart hat Julius bereits das erste Kriegsjahr hinter sich gebracht. Doch für seine Beichte taucht er in die Vergangenheit und erklärt Priester und Leser gleichzeitig, wie er auf die Bank in der kleinen Kirche kam – Liebe, die Wirren des Krieges, Mut, Angst, Verrat, Trauer und Verlust sind seine Begleiter. Genauso auch Wut und Scham, die das Monster des Ersten Weltkriegs so auf einer sehr individuellen, persönlichen Ebene darstellt.

Richtig gut gefallen hat mir das Ende: Denn es ist klar, dass der Krieg noch einige Jahre weitergehen wird und Julius gerade mal 10 Monate hinter sich gebracht hat. Wohin es ihn verschlagen wird? Das weiß man oder halt auch nicht ^^ Damit wird das Ende ein deutliches Statement gegen zwei Fronten: Einmal diejenigen, bei denen jedes Buch gut ausgehen muss – ja klar, weil das Leben so auch spielt. Andererseits gegen diejenigen, die alles immer so brutal wie möglich beenden wollen, um einen Schockmoment zu schaffen.

Fazit: So richtig viel lässt sich gar nicht kritisieren oder besprechen, ohne zuviel vorweg zu nehmen. Der Text ist sehr gut geschrieben, liest sich flüssig und auch inhaltlich ist einiges geboten – inklusive eine kleine Überraschung am Ende der „Auflösung“. Das Buch gibt auf jeden Fall zu denken: Wir ärgern uns heute über Entscheidungen, die so gut wie keine Auswirkungen haben werden. Damals haben die 18-Jährigen sich entscheiden müssen, in welche Richtung sie tödliche Schüsse abgeben müssen. Oder sie waren sich im Klaren darüber, dass der nächste Moment der ist, in dem eine Kugel sie findet. Klare Lesempfehlung!

Bettina Riedel (academicworld.net)

Pieter Webeling. Die Stunde des Schmetterlings.
Blessing Verlag. 19,99 Euro.

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