Hysterische Weiber im Anmarsch!

Das Jahr ist 1884. Die Menschheit befindet sich an der Grenze zur Moderne. Die medizinischen Praktiken sind brutal, simpel und geradezu barbarisch. Das Verständnis ist rudimentär – und gerade in der menschlichen Psyche mehr als nur herausgefordert. In diesen Zeiten trifft ein junger Medizinstudent auf Runa, ein außergewöhnliches Mädchen mit einer faszinierenden Art von ,Wahnsinn’ …

“Andersartige” Frauen werden gern zu hysterischen Weibsbildeen erklärt und in Institute wie die Salpetrie eingeliefert. Dort forschen Doktoranden und Professoren an ihnen, wie es ihnen gefällt. Forschen im Sinne von geheimen und experimentellen OPs Dann taucht plötzlich Runa auf, ein extrem ungewöhnliches Mädchen: Sie fürchtet die Wärterinnen nicht, hat zwei unterschiedliche Pupillen und steht in Verbindung zu rätselhaften Zeichen, die in der ganzen Stadt auftauchen. Jori stößt auf sie, der ehemalige Polizist und jetzt Verbrecher Lecoq auch, zeitgleich wird Runa in die Salpetrie eingeliefert. Dort soll er sie per neuartiger OP von ihrem ‘Wahnsinn’ heilen. Um die ehemalige Liebe seines Lebens zu retten, will er diese OP tatsächlich ausführen. Seine Vorab-Forschung führt ihn zu dunklen und verbotenen Experimenten, an denen er vor einiger Zeit teilgenommen hat. Und am Ende wird nicht nur Runas Leben in der Schwebe hängen …

Die Kritik

Die Inhaltsagabe zu verfassen, war gar nicht so easy. Einerseits, weil sie um einiges vom Klappentext abweicht. Der allerdings nicht falsch ist in diesem Fall, sondern nur eine vollkommen andere Blickrichtung gibt.

Es ist ein wirklich spannendes Buch, bei dem man sehr gut merkt, dass die Autorin sich mit dem Hintergrund (Neurologie/Psychiatrie um 1880 herum) exzellent auskennt. Lediglich der Anfang zieht sich ein bisschen hin, insbesondere was Runa angeht – sie taucht erst nach etwa 140 Seiten auf. Das durchhalten lohnt sich und das mitdenken übrigens auch. Denn die Verwicklungen und Intrigen könnte der Leser quasi in der Mitte der Handlung zum ersten Mal vermuten.

Bei RUNA handelt es sich um eine sehr intelligent zusammengesetzte Geschichte: Historischer Roman? Thriller? Schicksalsgeschichte? Soziale Kritik? Davon findet man viele Elemente. Der einzige Punkt, der inhaltlich etwas kurz gekommen sein mag, ist das Frauen-Thema. Die Salpetri hat nur weibliche Patientinnen. Wurden Männer damals nur separat behandelt oder einfach viel seltener als psychisch/nervlich krank “diagnostiziert”? Aber dann wäre aus dem Wälzer wahrscheinlich eine unendliche Geschichte geworden.

Insgesamt ist RUNA ein wirklich geniales Debüt – ein Buch, das sich aktuell sehr stark von der Masse abhebt und absolut lesenswert ist!

Bettina Riedel (academicworld.net)

Vera Buck. Runa.
Limes Verlag. 19,99 Euro.

Stand September 2015
Share.