HINTER DEN KULISSEN VON ‚SCHIMPANSEN‘ – EIN FILMTEAM TROTZT DEM REGENWALD

SCHIMPANSEN nimmt das Publikum mit auf eine aufregende Reise in das tropische Afrika und erlaubt einen unmittelbaren Blick auf einige der faszinierendsten Charaktere der Tierwelt. Ab 9.Mai 2013 im Kino.

In 78 Minuten geht es hin und zurück zum Regenwald, wo die Regisseure Alastair Fothergill und Mark Linfield mit ihrem Team drei Jahre damit verbrachten, das Material für ihren außergewöhnlichen Film zu sammeln. Während dieser Zeit standen sie vor enormen technischen und logistischen Herausforderungen, mussten Schwärmen aggressiver Bienen, Wolkenbrüchen, einigen der giftigsten Schlangen der Welt und natürlich den Schimpansen trotzen, die auf der Suchen nach leckeren Nüssen der Kamera gerne den Rücken zukehrten. 

Bei typischen Hollywood-Dreharbeiten kommt der Regisseur üblicherweise morgens an den Set und kann damit rechnen, seine Schauspieler vorzufinden, bereit für den Dreh. Doch bei Naturfilmen ist alles anders. Da müssen die Regisseure ihre Hauptdarsteller bisweilen stundenlang suchen. „Ich habe ja schon beinahe jede Tierart in allen denkbaren Umgebungen auf der Welt gefilmt“, stöhnt Fothergill, „aber ohne Zweifel sind die Filmarbeiten mit Schimpansen im Regenwald das denkbar Schwierigste.“ 

Schon vor Beginn der Dreharbeiten stand der leitende Logistikmanager der Produktion, Edward Anderson, vor der schwierigen Aufgabe, innerhalb von drei Monaten ein Camp für die Crew inmitten des Taï Forests zu errichten. Dazu gehörten Schlafmöglichkeiten, die Küchenräume, eine zuverlässige Stromversorgung und modernste technische Einrichtungen, in denen die Filmemacher ihr Material nach Drehschluss sichten konnten. Da die nächstgelegene Stadt zwei Tagesreisen entfernt lag und die einzige benutzbare Straße eine Stunde Fußmarsch vor dem geplanten Standort des Camps endete, hatten Anderson und das einheimische Team keine andere Möglichkeit, als alles Notwendige in den Regenwald zu tragen. 

Darunter waren 2,5 Tonnen Zement, sieben Tonnen Holz, 400 Lagen Dachblech und je vier Lastwagenladungen Sand und Kies. Linfield und Kameramann Martyn Colbeck flogen an die Elfenbeinküste, um Anderson im Taï Forest zu unterstützen. Dabei gab es noch eine letzte Hürde, die sie vor Drehbeginn überwinden mussten. Christophe Boesch machte sich Sorgen um die körperliche Fitness der Regisseure: Schimpansen legen täglich zwischen 15 und 25 Kilometer im dichten Dschungel zurück. Daher war es oft hart für die Forscher und die sie unterstützenden Studenten, mit den Tieren mitzuhalten – und sie mussten zuerst nicht mehr als ein Notizbuch und Stifte mit sich herumtragen. Schweres Kameraequipment mitzuschleppen würde die Sache noch wesentlich schwieriger machen. 

So dachte sich Boesch für die Gewöhnung der Filmemacher an die zu erwartenden unerbittlichen Bedingungen ein Programm aus, das die Filmemacher später als „Schimpansen-Bootcamp“ bezeichnen sollten. „Meiner Erfahrung nach kann man den Leuten zwar davon erzählen, wie schwierig es ist, sich im Regenwald fortzubewegen und die Schimpansen zu begleiten, doch wirklich verstehen kann man das nicht“, sagt Boesch. „Die Schimpansen sind im Regenwald aufgewachsen und bewegen sich auf vier Beinen, daher sind sie sehr schnell.“ 

„Im Grunde genommen tat Christophe so, als sei er ein Schimpanse, und wir mussten versuchen, mit ihm mitzuhalten“, erinnert sich Colbeck. „Er begann damit, sehr schnell durch den dichtesten Wald und das denkbar schwierigste Terrain zu laufen. Dann begab er sich auf alle viere und das war unser Signal, damit zu beginnen, den ,Schimpansen? zu filmen. Also stellten wir die Kamera und das Stativ auf, und in dem Augenblick, als wir losfilmen wollten, raste Christophe schon wieder davon und versuchte uns abzuhängen.“

VERSTECKSPIELE 

Nach dem Start der echten Dreharbeiten merkte das Team schnell, dass das Auffinden der Schimpansen und ihre Verfolgung im Wald nur eine Seite des Problems darstellte: Die ersten drei Drehmonate herrschte Regenzeit im Taï Forest! Die jährliche Niederschlagsmenge im Taï Forest liegt bei 1.700 – 2.200 mm pro Quadratmeter – etwa dreimal so viel wie in Hamburg. Der größte Teil davon fiel in genau den Augenblicken, als die Filmemacher ihre Kameras positioniert hatten, um zu drehen. 

„Wir fühlten uns wie in der Autowaschanlage“, schmunzelt Fothergill. „Die Ironie an der Sache ist, dass Schimpansen sich aufgrund ihrer charismatischen Art ideal fürs Kino eignen”, erzählt Linfield. „Gleichzeitig sind sie technisch gesehen die schwierigsten Wildtiere, die zu filmen man sich vorstellen kann. Sie leben an einem dunklen Ort – oft kann man wegen des dichten Blätterdachs die Hand nicht vor Augen sehen –, an dem es ständig regnet.“ 

„Ihr dunkles Fell absorbiert das Licht wie ein schwarzes Loch“, verdeutlicht Colbeck. „Sobald aber die Sonne durchblitzt, werden die Kontraste zu stark und das Bild ,frisst aus‘, wie wir sagen. Ich denke, 90 Prozent dessen, was ich gesehen habe, konnte ich nicht filmen. Wenn ich eine brauchbare Einstellung pro Tag hinbekommen habe, war ich ziemlich glücklich.“ 

Die ersten Drehwochen wurden zudem dadurch erschwert, dass die Filmemacher erkennen mussten, dass einige ihrer Taï-Schimpansen einfach nicht am Rampenlicht interessiert waren. „Schimpansen verhalten sich in etwa wie Menschen auf einer Party“, erklärt Colbeck. „Manche möchten fotografiert werden, andere nicht. Sobald wir die Kamera und das Stativ aufgestellt hatten, liefen sie zwar nicht unbedingt davon, aber sie drehten sich einfach um und zeigten der Kamera den Rücken.“

Das Blatt wendete sich glücklicherweise nach einigen Drehmonaten, als das Kamerateam beim Treck durch den Dschungel plötzlich seltsame Geräusche von oben vernahm. Als das Team auf einer sonnenbeschienenen Lichtung ankam, fand es eine ihnen vertraute Schimpansengruppe vor – darunter auch Oskar, Isha, Freddy und ihre gesamte Großfamilie. Sie waren aufgeregt damit beschäftigt, ihre Leibspeise, die Walnuss-ähnlichen Coulanüsse zu knacken, die gerade reif geworden waren. Sie benutzten Baumwurzeln als Ambosse und knackten die Nüsse darauf mit Hilfe harter Holzstücke und großer Steine. Während die erwachsenen Tiere fleißig mit Schälen beschäftigt waren, wuselten die Kleinen herum und bettelten um Nussstückchen oder spielten in den nächstgelegenen Ästen.

„Die Schimpansen im Taï Forest sind bekannt dafür, die Nüsse auf diese Art zu knacken und dazu hölzerne und steinerne Hämmer zu benutzen“, verrät Fothergill. „Das ist umso bemerkenswerter, als sie die Steinhämmer dazu bis zu einigen hundert Metern durch den Wald schleppen.“ Die Bilder, die nur selten zuvor auf Film gebannt werden konnten, beweisen ihre erstaunliche Intelligenz, Verspieltheit und absolute Lebenslust. „Das Witzigste an den Nussszenen sind die erfolglosen Versuche der Kleinen, das Nüsseknacken auch zu lernen“, erzählt Linfield. „Sie machen es andauernd falsch. Sie benutzen den Hammer und erwischen statt der Nuss ihren eigenen Fuß oder sie probieren es mit einem Stück Holz als Hammer, das dann prompt zerbricht.“ 

CAMPINGVERGNÜGEN

Die Nähe der Crew zur Natur hatte auch ihre Schattenseiten. Man hatte das Camp absichtlich nicht eingezäunt, um die Belüftung zu sichern und Tierwanderungen der ansässigen Spezies nicht zu behindern. Das bedeutete aber zugleich, dass Teammitglieder tagsüber oder nachts irgendwelchen Tieren begegnen konnten. So wie an jenem Abend, als sich eine hochgiftige Nashornviper durch die Aufenthaltsräume schlängelte. Außerdem zogen Skorpione in die Toiletten ein und es passierte mehrmals, dass Crewmitglieder morgens aufwachten und von hunderten Wanderameisen bedeckt waren. 

Bei einem Abstecher zu Filmarbeiten nach Gabun wurde der Aufnahmeleiter James Reed mehr als hundert Mal von Bienen gestochen. „Irgendwann bekommst du das Gefühl, dass die Natur es auf dich abgesehen hat“, lacht er. 

Dass sich all die Strapazen gelohnt haben, zeigt SCHIMPANSEN ab dem 9. Mai im Kino.

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