Hätte hätte Fahrradkette …

Ed ist ein zuverlässiger Ehemann für Alice. Er ist Gynäkologe, Alice eine erfolgreiche Künstlerin. Zusammen leben sie mit ihren beiden Kindern ein Bilderbuchleben in Bristol. Bis Ed sich auf einer Party betrinkt und an diesen Abend nicht nach Hause kommt. Am nächsten Tag steht die Welt Kopf: Eine junge Künstlerin, die auf der gleichen Party war, wurde tot aufgefunden und die Polizei ermittelt. Alice stellt schnell fest: Es kann nur ihr Mann getan haben und der windet sich auch nicht mit Ausreden heraus. Ja, er habe die Frau getötet. Doch was nun? Wie soll Alice mit diesem Wissen umgehen? Lässt sich auf dieser Entwicklung eine weitere gemeinsame Zukunft aufbauen?

Die Kritik

Es klingt grundsätzlich sehr spannend: Eine Frau weiß, dass ihr Mann einen Mord begangen hat – doch wie wird sie sich entscheiden? Wie geht sie damit bewusst um und welche Fallen wird ihr Unterbewusstsein ihr stellen? Leider wird aus dieser potenziell sagenhaften Idee ein sehr müder Spannungsbogen gestrickt, der am Ende zu einem entnervten Leser führt. Alice ist die Hauptperson, aus deren Sicht alles geschildert wird – live, in Farbe, ihre Gedankenwelt, ungefiltert. Leider ist sie als Person ein wenig interessanter Charakter.

Klar wird ihre emotional distanzierte Kindheit beleuchtet, die sie zu einer widerspenstigen Person gemacht haben soll – aber das rebellische Kind, beziehungsweise ihr ach so rebellischer Grundcharakter kommt absolut nicht durch. Sie führt ein langweiliges, perfektionistisch ausgestaltetes Leben. Sie ist eine tolle Malerin und macht hier keine Fehler. Sie kennt sich ganz toll mit Kunstgeschichte aus und ihr Mann ist auch ganz toll. So toll, dass er sich besäuft, möglicherweise einen Fehltritt liefert – aber sie glaubt ganz fest an ihn. Weil große Liebe und Vertrauen. Es gibt zwar zig Punkte, die gegen ihn sprechen – und wenn schon manchmal nicht im Mordfall, dann gegen seine Person als solche. Das lässt Alice aber beiseite und genau daran krankt es final: Ihre Unglaubwürdigkeit. Diese tritt insbesondere am Schluss ganz deutlich hervor (leichter Spoiler! Ab dem nächsten Absatz geht es normal weiter!), wo sie sich selbst zum Opfer macht und der Autor es als “Heldin übernimmt Verantwortung” verkaufen möchte.

Was hier geschildert wird, ist eine Beziehung, in der die Frau unfassbar abhängig ist von ihrem Mann, wobei der Protagonistin scheinbar eine Heldinnenrolle angedichtet werden soll. In Wahrheit aber macht sie alles, um ihren Mann zufrieden zu stellen. Der nutzt das auch sehr geschickt aus und ist ein manipulativer Partner aus der siebten Beziehungshölle. Eine extrem toxische Konstellation, die nicht als solche präsentiert wird und damit ein mehr als fragwürdiges Bild an den Leser/ die Leserin transportiert. Das Ende (kein Spoiler) enttäuscht massiv.

Dass der Autor sich selbst mit Kunstgeschichte auskennt, merkt man dem Buch deutlich an. Allerdings in einem negativen Maße, denn im Prinzip betriebt er nur name dropping der bekanntesten Namen und begibt sich dann in Sphären der Kunstbeurteilung, die nur ebenso Kunstbegeisterte verstehen können. Für ebendiese mag das ein nettes Informationsgeplänkel sein, für alle nicht fachkundigen Leser handelt es sich um vollständig überflüssige Informationen, die auch nicht in Sachen “Sympathie für Charakter aufbauen” hilfreich sind.

Leider keine Lesempfehlung, absolut nicht.

Bettina Riedel (academicworld.net)

T.A. Cotterell. Was Alice wusste.
Goldmann Verlag. 15,00 Euro.

Share.