Gibt es eine neue Potter-Manie?

Es sind hohe Erwartungen, denen das achte Buch der Harry Potter-Saga gerecht werden muss. Erinnert ihr euch noch an durchfieberte Tage bis zum Erscheinen eines neuen Bands? Oder gehört ihr zu denen, die sogar vor den Buchläden gecampt haben? Wie dem auch sei: Harry Potter und das verwunschene Kind – top oder flop?

Albus Severus Potter hat es nicht ganz einfach: Schon sein Name verrät eine gewisse Zerrissenheit zwischen zwei Welten: die seines Vaters, Gryffindor, und seine eigene: Slytherin. So zumindest fühlt er sich und das belastet seine Beziehung zu seinem sehr berühmten Vater sehr. Da passt es doch ganz hervorragend, dass der Sohn von Draco Malfoy zu seinem besten Kumpel wird. Zusammen stellen die beiden fest, dass sie ihren eigenen Weg gehen müssen – ein Abenteuer muss her. Just hören sie Amos Diggery darüber klagen, dass sein Sohn vollkommen umsonst gestorben ist – also wollen sie ihn zurückholen! Dazu beschaffen sie sich aus dem Zaubereiministerium einen Zeitumkehrer und reisen in die Vergangenheit. Dabei schwören sie Dämonen unbekannter Größe herauf und bringen einfach ALLES in Gefahr …

Die Kritik

Natürlich ist eines gleich klar: So richtig vergleichen lässt sich das achte Buch mit den Vorgängern nicht. Das liegt an der Textgattung: In einem Roman konnte Rowling damals ohne jegliche Seiten- oder zeitliche Begrenzung eine magische Welt erschaffen. Quasi vollkommen ohne Rücksicht auf Verluste. Das geht bei einem Bühnenstück natürlich nicht, denn wer will 30 Stunden im Theater sitzen? Noch dazu sind Theaterstücke von ihren Dialogen abhängig, weniger von großflächigen Szenebeschreibungen.

Soviel vorab. Unter dieser Prämisse ist ein sehr kurzweiliges Theaterstück entstanden, das den Leser auch mal inhaltlich überraschen kann und sehr viel Kreativität beinhaltet. Nichts läuft, wie es sollte für den jungen Albus Severus, der manchmal ganz schöne Identitätsprobleme als Potters Sohn schiebt. Doch auch er hat einen extrem guten Freund, der ihn nicht im Stich lässt – das große Freundschaftsmotiv besteht also weiterhin und wird noch eine Ebene höher geführt: Denn beide Jungs sind in Slytherin. Harry ist kein perfekter Über-Daddy, sondern ein Mensch wie jeder andere Muggel auch. Die Ehe mit Ginny besteht und auch Ron und Hermine sind glücklich – nichtsdestotrotz gibt es die üblichen Eltern-Kind Kommunikationsprobleme. Die hat übrigens auch Draco, der zu einer ganz anderen Person geworden ist – sehr interessant!

Ein klitzekleines Manko gibt es: In der letzten Kampfszene scheint sich ein kleiner Logikfehler eingeschlichen zu haben – wem von euch ist er auch aufgefallen? 😉

Die Erwartungshaltungen mögen überraschend anders erfüllt sein. Denn es ist kein epischer Text, sondern ein sehr flüssig zu lesendes Theaterstück. Die Charaktere sind sehr erwachsen geworden, einige legendäre Personen tauchen gar nicht auf – anstatt also die Erwartungen der sieben Vorgänger weiterzuführen, hat das Autorenteam einfach einen komplett neuen Weg eingeschlagen. Clever und gut gelungen auch noch! Dennoch ist es wirklich schade, dass man so manchen Dialog nicht ein wenig spielerischer ausweiten konnte, denn der Satzbau ist sehr direkt und sehr simpel.

Das Fazit: Kein Auslöser für eine Manie wie in den “alten” Tagen, aber eine zauberhafte Wiederkehr zu den Wurzeln unserer Fantasyliebhaberei! Wer die sieben Bücher vorher gelesen hat, ist quasi verpflichtet, bei Nummer 8 ebenfalls die Nase reinzustecken – und es lohnt sich, denn die Welt von Harry Potter ist mit uns erwachsen geworden und spricht trotzdem unser inneres Kind an.

Bettina Riedel (academicworld.net)

J.K. Rowling, John Tiffany & Jack Thorne. Harry Potter und das verwunschene Kind.
carlsen Verlag. 19,99 Euro.

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