Geh nicht gelassen

Listen, Charts und vorgefertigte Auswahlen geben dem Menschen halt. Er ist nicht gezwungen sich selbstständig Gedanken zu machen. In der Zukunft, die Ally Condie in ihrem Jugendbuch “Die Auswahl” schildert, bestimmen solche Strukturen den Alltag der Menschen gänzlich. Eine eigene Wahl ist nicht mehr möglich. “Die Gesellschaft” entscheidet, denn sie weiß, was das Beste ist für die Menschen. Oder nicht?

Du hast die Wahl – vielleicht

Den Menschen geht es gut in der Gesellschaft. Die meisten Krankheiten sind verschwunden, das Leben ist sicher, Ungleichheiten zwischen den Bevölkerungsschichten gibt es kaum. Jeder hat Arbeit. Man sorgt also für Brot und Spiele – der Klassiker. Damit die Menschen ja nicht zu viel nachdenken können. Das wäre aber auch blöd, weil dann könnte sie ja dahinterkommen, dass die älteren Mitbürger nicht einfach mit 80 sterben, sondern vergiftet werden, dass noch die kleinste Entscheidung nicht so frei ist wie man denkt.

Überhaupt: Damit nicht zu viel gefährliches Gedankengut im Volk umherschwirrt ist es auf jeden Fall besser, wenn die Leute – technisch ganz up to date – nicht mehr lernen zu schreiben, sondern nur noch fertig vorgegebene Textbausteine über die Bildschirme schieben. Und aufrührerische Gedichte – wie “Geh nicht gelassen in die gute Nacht” von Dylan Thomas – werden lieber schnell vernichtet. Nur mehr die 100 “Besten” von allem sind zugelassen, sind es wert, dass man sie erhält: 100 Bücher, 100 Gedichte, 100 Lieder, 100 Bilder …

Individualität, nein danke

Das ist die Welt, in der Cassia aufwachsen ist. Auch ihre Eltern und Großeltern haben keine andere Welt erlebt. Die Gesellschaft bestimmt was du isst, was du für Hobbys hast, wann und wie viel du Sport machst und selbst die Wahl des Partners ist nicht frei gestellt. Mit 17 gibt es eine große “Paarungs-Zeremonie”, wo die jungen Leute erfahren, wer nach festgelegten Parametern ihr idealer Partner ist. Den sollen sie dann mit 21 heiraten.

Cassias idealer Partner soll Xander sein – ihr bester Freund von Kindesbeinen an. Ihn sollte sie eigentlich sehen, wenn sie einen Mikrochip ausliest, doch es ist nicht sein Gesicht, dass ihr vom Monitor entgegenblickt sondern Ky – auch ihn kennt sie schon lange. Doch bald muss sie erfahren, dass Ky nie für eine Paarung in Frage kam, denn durch ein Vergehen seiner Eltern ist er ein Ausgestoßener der Gesellschaft. Auch deshalb hat er einen so schlechten Arbeitsplatz in der Nahrungsentsorgung erhalten. Das und der Tod ihres Großvaters zur gleichen Zeit stoßen in Cassia große Zweifel an. Dann kommt noch das Gedicht von Dylan Thomas hinzu, dass ihr Großvater ihr hinterlassen hat. Aus der regimetreuen, folgsamen Sortiererin wird eine geheime Revolutionärin. Doch wie lange kann so etwas in einem totalitären System unentdeckt bleiben?

Der rechte Ton für eine interessante Thematik

Jugendlich enthusiastisch und zugleich bedeutungsschwer erzählt Josefine Preuß die Geschichte von Cassia und Ky. Man hört ihr einfach gerne zu, stets trifft sie – wie auch Autorin Ally Condie – den rechten Ton zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt. Ein wirklich gutes “Jugendbuch” – mit so einigem, dass auch die Großen noch zum Grübeln bringen dürfte. Wieder einmal eine interessante Thematik angestoßen. Lasst uns ?mal nachdenken, wie gelassen wir eigentlich in die gute Nacht gehen.

Gisela Stummer (academicworld.net)

Ally Condie. Die Auswahl. Cassia & Ky (5 CDs, Hörbuch gelesen von Josefine Preuß)
19,95 Euro. Argon Verlag


Stand November 2011

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