Flüchtlings-Flashback

Jasmin führt ein unstetes Leben – und daran wird sich wahrscheinlich so schnell nichts ändern. Auch nicht, als ihr verschollener Großvater plötzlich in Odessa auftaucht. Seine Geschichte ist die eines Flüchtlings, wie Europa sie gerne vergessen würde.

Eigentlich ist Jasmin gerade erst nach Hause zurückgekehrt. Mission: Sesshaft werden. Nur ruft dann eine Exfreundin an, die jetzt schwanger ist. Ob Jasmin ihren Job haben wolle? Naja, eigentlich nicht. Aber obwohl… Wie oft hat man schließlich die Gelegenheit, die Köchin von Bob Dylan zu werden? Und so fliegt sie zu ihrem ersten Einsatz: Odessa. Dort erhält sie einen merkwürdigen Anruf – ein alter Mann habe einen Anfall erlitten und spreche seither nur noch Deutsch. Und er behauptet, dass sein Name Florentinius Malsam sei – und damit auch Jasmins Großvater, der offiziell seit ’43 als verschollen galt.

Die Kritik

Wo kommen wir her? Wie sehr definiert uns unsere Herkunft? In einem Europa, in dem aktuell das Flüchtlingsthema durch die Köpfe schwappt, kommt dieses Buch gerade richtig. Denn es erinnert an ein Europa, wie es heute unendlich fern scheint: Zerrissen, Nationalitäten bunt gemischt und durch den Krieg brutal verloren. Ein Europa, in dem mal eine Bevölkerungsgruppe an der Macht ist und andere blutig unterdrückt. Im nächsten Jahr sind die Opfer an die Spitze gerückt und nehmen blutige Rache. Wie auch der allgegenwärtige George RR Martin es nannte: Ein blutiges Rad des Machtspiels. Doch hier gibt es keine Daenerys, die dieses Rad zerbrechen möchte. Hier gibt es das Ende eines Kriegs, der vor Jahrzehnten auch Familien zerrissen hat – was sich trotz all des tollen Friedens in den letzten Jahren immer noch auswirkt. An all diese innereuropäischen Flüchtlinge darf sich unser Kontinent durchaus mal erinnern.

Besonders gelungen ist dabei der Wechsel der Erzählzeiten: Mal begleiten wir Jasmin auf ihrem Weg in die Vergangenheit ihrer Familie. Mal stehen wir neben Florentinius Malsam und erleben, wie die Sowjets das Dorf in Beschlag nehmen, dann die Deutschen, dann die verbliebene Bevölkerung. Und Florentinius? Dessen Lebensweg gleicht in den Grundprinzipien seiner unbekannten Enkeltochter – mal läuft das Leben so, mal anders. Und irgendwo dazwischen stellt man fest: Es ist eigentlich ganz okay so.

Auch die Haptik und die Gestaltung des Covers sollte nicht unerwähnt bleiben – sehr cool geworden! Und ganz nebenbei kann der Leser mit auf dem Steak gewordenen Tschechow-Gelände lustwandeln.

Fazit: Hochinteressant, nicht arrogant, liest sich flüssig, gibt zu denken, macht neugierig darauf, was damals mit den Menschen in der Ukraine passiert ist – was kann ein Leser mehr wollen? Richtig, ein geschlossenes Ende. Das gibt es bei Die Köchin Von Bob Dylan nämlich nicht – entsprechend bleibt da emotional ein kleines Vakuum übrig.

Bettina Riedel (academicworld.net)

Markus Berges. Die Köchin von Bob Dylan.
rowohlt BERLIN. 19,95 Euro.

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