Es war einst der Sohn eines englischen Postboten…

… und sein Name war John. Er lebte mit seinem Vater im Souterrain eines Armenviertels. Die beiden werden von einer weltpolitischen Entwicklung aus ihrem Trott gerissen: Der Erste Weltkrieg überrollt beide und reißt sie in seinen gierigen Schlund.

John lebt für Bücher: Doch während er sie liest, hat sein Vater eine blinde Sammelwut dafür entwickelt. Beide Männer sind traumatisiert vom zu frühen Tod der Ehefrau/ Mutter. Während sein Vater immer mehr auf sein Ende hinsiecht, hält das Leben für John eine harte Herausforderung bereit: Der Erste Weltkrieg bricht über ihn herein. Zusammen mit seinem Kumpel William versucht John, den Armee-Werbern zu entgehen und ist entsetzt über die Brutalität, die den Deutschen in England entgegen schlägt. Nach dem Anschlag auf die Lusitania werden deutsche Nachbarn überfallen, ausgeraubt und teilweise auch schlichtweg gelyncht. Seine Mitbürger reagieren immer extremer darauf, dass er ohne Uniform durch die Straßen läuft, doch John ist Pazifist und möchte sich nicht melden. Selbst seine Liebe, Mary, steckt ihm auf offener Straße eine weiße Feder in die Brust und schimpft ihn einen Feigling. Als die Deutschen dann London mit Bomben angreifen und seine Freunde und Bekannte im Krieg sterben, scheint es auch für ihn keinen Ausweg mehr zu geben…

Die Kritik

Es gibt eine Sache, die man dem Autor echt zu Gute halten muss: Obwohl sein Hauptcharakter aus einer bestimmten Nation stammt (England), zeichnet er ein sehr differenziertes Bild der Gesellschaft: Nicht alle Deutschen sind böse, auch die Briten haben Dreck am Stecken und die Belgier und Franzosen auch. Als deutsche Leserin bekam ich also fast ausnahmsweise mal nicht pausenlos gesag, wie schlecht mein Land war. Gleichzeitig gibt es auf allen Seiten Gutes zu entdecken, geschehen unfassbar persönliche und mitreißende Schicksale und: Die Moral von der Geschicht übersteigt die Grenzen der Nationalitäten erst recht. (Leute, das war fast ein Reim!)

Der Hauptcharakter ist sehr interessant: Weder ist er super intelligent, noch stur von irgendwas überzeugt. In Liebesdingen stellt er sich sogar fürchterlich tolpatschig an, entdeckt in Sachen Weltpolitik aber seinen eigenen moralischen Pfad – in anderen Worten: Er ist ein ganz normaler Junge von 17/18 Jahren. Die Welt um ihn zerbricht in Scherben und während heutzhutage die Jungen sich fragen, welches Shirt zu ihrem neuen Pokémon-Haarschnitt passt, fragt John sich, ob er iregendwelche Deutsche töten könnte. Dass der Krieg nicht auf dem Reisbrett geführt wurde, sondern von echten Menschen auf schlammigen Feldern, das wird vom Autor absolut hervorragend illustriert. Wenn der Leser sich dann überlegt, was sich die Menschheit bisher gegenseitig angetan hat (und aus Johns Sicht noch antun wird), wird einem so richtig übel. —

Zum geschichtlichen Hintergrund: Jeden Fakt habe ich nicht nachgeprüft, aber es scheint exzellent recherchiert zu sein. Allein für diesen Aufwand gibt es ein deutliches Chapeau!

Fazit: Ein mitreißendes, hervorragendes Buch, das definitiv die Weltsicht nochmals fokussieren oder vielleicht verändern wird. Hinterher werdet ihr so unfassbar dankbar sein für das, was ihr in eurem Leben habt.

Bettina Riedel (academicworld.net)

Stefan Brijs. Post für Mrs. Bromley.
btb Verlag. 12,99 Euro.

Achtung, leichter Spoiler!

PS: Wer ist denn nun Mrs. Bromley? Seine Ziehmutter, deren eigener Sohn wie ein Bruder für John ist. Als Martin im Krieg fällt, hält John diese Wahrheit vor ihr zurück und schreibt ihr als echter Sohn eines Postboten weiterhin Briefe und Postkarten in Martins Namen…

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