Es ist nicht die Zeit, die vergeht…

… sondern wir sind es. Das ist der Grundtenor von Hettche’s PFAUENINSEL, verpackt in die Lebensgeschickte der Maria Dorothea Strakon, ihres Zeichens zwergwüchsiges Schloßfräulein dieser Insel. Und wie es auch nicht anders sein könnte, beginnt die Geschichte mit einer Königin und einem Monster…

Für die damalige Zeit ist sie eine Laune der Natur: Maria Strakon, genannt Marie. Sie ist eine vom Kleinen Volk, zwergwüchsig wie ihr Bruder Christian. Das Schicksal meint es nicht schlecht mit ihr: Sie wird zum königlichen Pflegekind und lebt mit Christian fortan auf der Pfaueninsel vor Potsdam. Wie es in einer noch früheren Zeit üblich war, erhält sie den Titel Schloßfräulein. Dass der nur eine Farce ist, beziehungsweise der Unterhaltung von Gästen dient, bekommt sie sehr schnell mit. Wenn diese nicht gerade der Unterhaltung bedürfen, wird sie sich selbst überlassen.

So mausert sie sich von dem verwirrten Kind zu einer stillen Beobachterin. Sie saugt ihre Erkenntnisse über die Welt und ihre Bewohner in sich auf und teilt sie mit niemandem. Niemand kümmert sich um sie, sie kümmert sich um niemanden. Sie entflieht der Ablehnung derjenigen, die nur auf äußere Schönheit aus sind, indem sie sich selbst als Ding sieht. Diese Abstrahierung bringt sie noch mehr auf den Pfad der Beobachtung und weg von eigenen Emotionen, Wünschen und Impulsen. Es wird zu einem Gefängnis. Selbst ihr Kind wird gegen ihren Willen zu einer Pflegefamilie gegeben – sie könnte rebellieren, wütend werden, sich auf die Suche machen, die Insel verlassen. Doch sie bleibt, wo sie ist und beobachtet, wie das Leben an ihr vorbei zieht. Und am Ende? Ist Schönheit genauso vergänglich wie alles andere auch.

Die Kritik

Kein feelgood-Buch. Bedrückend mit Ansätzen von Hoffnung, die wie Nebelschleier weggeweht werden. Der Hauptcharakter ist ein Mensch wie wir alle: Doch bevor Marie zu sich selbst finden kann, flüchtet sie sich in die Andersartigkeit und macht sich selbst zu einem Objekt. Als solches überdauert sie Jahrzehnte, Könige, Prinzen, Kaiser und die Männer ihres Lebens. Schon viel zu früh zu altklug, zu resigniert, zu distanziert, lebt sie ein normales, aber sehr trauriges Leben. Sie bleibt für immer allein, egal wer an ihrer Seite ist. Fragt sich nur, ob sie ein Opfer ihrer Zeit war oder sich selbst zu sehr auf die dunkle, die deprimierte Seite des menschlichen Bewusstseins hat ziehen lassen.

Inhaltlich also kein leichter Tobak, dessen sollte man sich bewusst sein. Geschrieben ist es wunderschön: Die Sätze sind eine Mischung aus lang, verschachtelt, kurz und knapp. Es werden zahlreiche Bilder herausbeschworen. Die Ausdrücke sind ungewöhnlich gut recherchiert und passen perfekt in die Zeit, in der die Geschichte spielt: Ein bisschen altertümlich, ein bisschen an der Grenze zum Modernen. Vermutlich aus Gründen der Authentizität ist das Buch sogar in alter Rechtschreibung verfasst [was ein absoluter Wunsch des Autors an seinen Verlag war], sodass die Freunde des ß-ß-ß-ß voll auf ihre Kosten kommen. Jeden, den das stört, bleibt nur eines: Darüber hinweg lesen! Ich muss zugeben: Am Anfang zuckte mein Korrekturstift, aber die Gewöhnung tritt schnell ein und irgendwie hat es etwas Anheimelndes. Die erzählte Geschichte wird so noch plastischer, als es die bildreiche Sprache eh schon gestaltet.

Ganz nebenher erhält der Leser historische Einblicke in unsere Landesgeschichte, ganz ohne wie so oft in die Weltkriege abzudriften. Stattdessen bewegen wir uns in der napoleonischen Zeit, die ihre ganz eigenen Konflikte und Eigenarten mit sich brachte. 

Fazit: Ein Buch, das den Leser richtig stark beschäftigt und nicht so leicht loslässt. Mit so viel Traurigkeit auf einem Haufen kommt aber nicht jeder Mensch klar. Wer sich emotional leicht beeinflussen lässt, sollte das Buch vielleicht lieber in Etappen lesen und hinterher auf eine Party gehen ^^

Bettina Riedel (academicworld.net)

Thomas Hettche. Pfaueninsel.
Btb Verlag. 10,99 Euro.

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