Erleuchtung auf Bayerisch

Ein Feel-Good-Movie aus Deutschland? Geht das denn? Ja mei, mit den richtigen Vibes und echter Energy geht eben alles!

Amrita (Petra Schmidt-Schaller, m.) tanzt auf dem “Stein der Erleuchtung”. Foto: Christian Hartmann

Spirituelles Movement

Anfang der 1980er Jahre: Bisher hat im süddeutschen Provinzort Talbichl bestenfalls mal eine Kuh gemuht, jetzt kommen plötzlich fremdartige ?Om?- und “Hu”-Laute dazu. Ursache ist eine von Berlin ins sommerliche Oberbayern umgesiedelte, fröhliche Sannyasin-Kommune, die sich auf dem geerbten Bauernhof von Siddharta (Georg Friedrich) sofort heimisch fühlt. Während man (fast) reinen Herzens und (meist) naiven Gemüts hier ein Therapiezentrum aufbauen will, sind die alteingesessenen Dorfbewohner von Bhagwans Jüngern aufs tiefste verunsichert. Was hat man sich nur da eingefangen? Satanisten etwa, gar Terroristen, oder schlimmer noch: womöglich Vegetarier?

Unter den bayerischen Ureinwohnern macht sich langsam Argwohn breit, der an den orangegewandeten Fremdlingen zunächst abperlt, haben sie doch selbst genug zu tun mit Dynamischer Meditation, Innerer Einkehr und Freier Liebe. Was theoretisch recht nett klingt, hat in der Praxis so seine Tücken, weshalb Gopal (Oliver Korittke), Brigitte (Daniela Holtz), Chandra (Wiebke Puls) und Jogi (Daniel Zillmann) manchmal mehr diskutieren als energetisch atmen, Prakash (Chiem Van Houweninge) den ?Stein der Erleuchtung? vom Ashram in Poona versehentlich verlegt und Siddharta von Eifersucht geplagt wird, als seine elfenhafte Freundin Amrita (Petra Schmidt-Schaller) Bhagwans Cheftherapeuten Prem Bramana (Thomas Loibl) höchstselbst ins spirituelle Auge fällt. Bei derartigen Aufregungen merkt keiner, daß Amritas Kinder, der 9-jährige Fabian (Béla Baumann) und explizit die 12-jährige Lili (Amber Bongard), sich nach ein bißchen bürgerlicher Normalität sehnen. Konflikte der metaphysischen wie handfesten Art sind vorprogrammiert.

Drop your Ego!

Mit subtilem Sinn für Atmosphäre, für Stimmungen und Zwischentöne hat Marcus H. Rosenmüller seine ausgesprochen unterhaltsame, fabulierfreudige Culture-Clash-Komödie gestaltet. Als Regisseur moderner Heimatfilme (“Wer früher stirbt ist länger tot”, “Beste Zeit”, “Beste Gegend”) versteht er es, Lebensraum als einen von kultureller Mentalität, gesellschaftlichen Vorbedingungen und sozialer Konvention geprägten Rahmen zu zeichnen, innerhalb dessen die Menschen ihre Eigenarten herausbilden. Wertfrei, dafür mit skurrilem, von menschlicher Wärme getragenen Humor werden die eigentlich recht harmlosen, teils richtig netten Charaktere aus dem Bhagwan- wie dem Bayern-Lager vorgestellt, die sich selbst als normal wahrnehmen, andere hingegen als Sonderlinge ablehnen. Beispielsweise sieht der erzkonservative Bürgermeister (Heinz-Josef Braun), auch noch direkter Nachbar der fidelen WG, die dörfliche Moral und seine Autorität von den freizügigen Mantra-Happenings im Garten gegenüber gefährdet. Da muß selbstredend ein empörter Blick über den Zaun geworfen werden. Oder zwei. Oder drei… Seine Frau (Bettina Mittendorfer) teilt solches Mißtrauen, freundet sich trotzdem mit Lili an und zeigt Verständnis für deren Suche nach familiären Strukturen.

Ohne Wissen der ganz mit sich selbst beschäftigten WGler versucht sich die leicht vernachlässigte Lili nämlich an einer heiklen Mission: ihrer Integration. Um in der Schule nicht ewig Außenseiter zu bleiben, tauscht sie bald ihre helle Flatterkleidung gegen klassische Tracht, murmelt sich durchs morgendliche Vaterunser und tritt trotz vehementer Widerstände seitens des Vereins samt Bruder der örtlichen Blaskapelle bei. Allein ihrem schlauen Einfallsreichtum, soliden Selbstbewußtsein und ihrer kindlich-neugierigen Unbekümmertheit ist es zu verdanken, daß jene hürdenreiche ländliche Eingemeindung fast von Erfolg gekrönt wird – würde es nicht zum Eklat beim Dorffest kommen.

Es ist die Sicht von Lili, aus der “Sommer in Orange” größtenteils erzählt wird. Das läßt einerseits eine gewisse Verspieltheit im Umgang mit ideologischen Irritationen zu, hebt andererseits das Geschehen durch schräge Überzeichnungen und reizvolle Albernheiten aus allzu vertrauten Bahnen. So hat Lili, gewissermaßen als Produkt ihrer kulturellen Bredouille, Visionen von einem versponnenen Bhagwan-Doppelgänger, der mit freundlich vorgetragenen Weisheiten für die notwendige (Un-)Klarheit sorgt.

Zwei Welten treffen aufeinander – Prem Bramana (Thomas Loibl) hält der überraschten Dorfgemeinde eine euphorische Rede. Foto: Christian Hartmann

Universelles Bewußtsein

Die gehaltvolle, authentische Heiterkeit des Drehbuchs von Ursula Gruber setzt Marcus H. Rosenmüller in eine sommerlich schwerelose Inszenierung um, streift leichthändig die Persiflage, geht auch mal kurz bei der Burleske vor Anker, verweigert sich jedoch derber Komik. Das Thema Toleranz ist ihm ernst, dessen Umsetzung darf freilich vergnüglich-ironisch sein. Mithin sorgt er für luftige Beschwingtheit, die sich wiederfindet in der tanzenden Kamera von Stefan Biebl, Georg Sörings fließendem Schnitt und in Gerd Baumanns tollem Score mit den aufblitzenden Sitarklängen. Indien ist in Bayern angekommen, möglicherweise auch umgekehrt.

Allein die intensive Kraft der Farben von orange und gelb zu rot, rosa und violett bringt den Film zum Leuchten, läßt zusammen mit der liebevollen Ausstattung ahnen, daß Harmonie für alle Beteiligten, auch für die optisch eher gedeckt auftretenden Dorfbewohner, hier nicht weit sein kann. Sie muß nur noch gefunden werden. Wie das geht, demonstrieren die von weiten Reisen heimkehrende Leela (Brigitte Hobmeier) und Postbote Rudi (Florian Karlheim), der sich spontan in die impulsive Sonnenschönheit verguckt. Das ohnehin verschlungene Beziehungsgeflecht der Kommune, einmal mit Hilfe eines visuellen Tricks als witziges Mandala-Patchwork dargestellt, gerät dadurch in arge Bedrängnis und die einzelnen Mitglieder in Deutungsnot. Soviel Exotik verstört selbst einen liberalen Sannyasin. Auch Selbsterfahrung hat ihre Grenzen.

Good Vibrations

Dabei droht von ganz anderer Seite Gefahr. Während eines Workshops in München ist zwischen Amrita und Lehrer Prem transzendente Einvernehmlichkeit entstanden, sprich: der selbstverliebte, sich in seiner Vergeistigung sonnende Geck hat die Hübsche zu seinem persönlichen Guru-Groupie ausersehen und sich deshalb bereiterklärt, die zukünftige ?Buddha-Halle? in Talbichl persönlich einzuweihen. Was die Kommune als kosmisches Hoch bejubelt, bringt sie tatsächlich ins Wanken und mit ihr die Dorfgemeinschaft. Ein falsches Mantra zur falschen Zeit haut selbst den härtesten Bayern um, kann im Gegenzug aber auch gesellschaftliche Demarkationslinien verschieben. Zuletzt reicht ein wenig ?Good Will? an beiden Fronten für die längst fällige Annäherung zwischen linksalternativen Baumumarmer-Hippies und skeptischen Bajuwaren, zwischen östlicher Philosophie und westlichem Pragmatismus. Zugegeben, vorher gibt es noch eine Massenschlägerei, eine Polizeirazzia, die Suche nach der verschwundenen Lili, einen bizarren Unfall aufgrund tödlicher Neugier und eine schrullige Beerdigung. Aber hernach wird zünftig gefeiert.

Sogar die voralpenländischen Kühe müssen zuletzt nicht mehr alleine muhen, sondern dürfen sich in Gesellschaft zweier indischer Elefanten am Abbau innerer Blockaden versuchen. Der erste Schritt zur kosmischen Ganzheit ist getan. Om Shanti!

(Nathalie Mispagel, academicworld-Kinoexpertin)

©Majestic (Fox)

Ab 18. August im Kino!

Regisseur: Marcus H. Rosenmüller

Darsteller: Amber Bongard, Petra Schmidt-Schaller, Georg Friedrich, Oliver Korittke, Brigitte Hobmeier, Chiem van Houweninge

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