„Eine Depression ist ein fucking Event!“

Karo ist Ende 20, bezeichnet sich selbst als „laute, emotionale Bestie“ und sagt, ihre Superkraft sei „Arsch-Sein“. Einsam, launisch, egoistisch und hysterisch wie sie ist, geht das irgendwann mal nicht mehr gut – sie muss sich ändern, und zwar gründlich. Der lange Leidensweg auf der Suche nach sich selbst beginnt …

Karo Herrmann führt ein typisches Großstadtleben in Berlin. Ihr Motto: immer schneller, höher, weiter. Sie hat einen festen Freund sowie einen guten Job in der Eventberatung – oberflächlich betrachtet also eigentlich ein ganz normales und zufriedenstellendes Leben. Doch Karo hat ein Problem, beziehungsweise sie ist ihr Problem. Denn sie hat nicht nur schwere Stimmungsschwankungen und unkontrollierbare Aggressionen, sondern ist auch egoistisch, ungeduldig, hysterisch und einfach generell vieeel zu emotional in allem, was sie macht. Mit ihrem Freund Philip ist sie nur zusammen, um nicht allein zu sein. Und ihre Arbeit und die hierfür organisierten Partys sind ihre Stützpfeiler, mit deren Hilfe sie sich ablenkt, um sich nicht allein ertragen zu müssen. Bis sie plötzlich ihren Job verliert und endgültig in ein tiefes Loch fällt …

Mit Vollgas Richtung Abgrund

Karo beschließt etwas zu tun: Sie möchte sich und ihr Leben ändern und geht zu einer Psychologin. Diese fördert nach und nach Karos dunkle Kindheitserinnerungen zutage und versucht sie aus ihrer Trauer und Verzweiflung zu befreien. Karo möchte DIE Vorzeigepatientin ihrer Therapeutin werden und will so verzweifelt alles richtig machen, dass sie sich damit letztlich nur selbst im Weg steht. Anstelle von positiven Veränderungen geht es ihr immer schlechter und sie fühlt sich von allen im Stich gelassen. Als dann auch noch ihr Freund Schluss macht, erleidet sie einen Nervenzusammenbruch. Karo gerät in einen Teufelskreis aus Depressionen, Selbstmordgedanken, Panikattacken und Sinnkrise, aus dem sie sich aus eigener Kraft nicht mehr befreien kann.

Die Kritik

Mit Claudia Eisinger in der Hauptrolle und weiteren Schauspielgrößen, wie Katja Riemann, Barbara Schöne oder Maren Kroymann, wurde die Messlatte bereits sehr hoch gelegt. Dementsprechend groß waren auch meine Erwartungen – welche im Großen und Ganzen auch nicht enttäuscht wurden!

In der gleichnamigen Verfilmung ihres bereits 2009 erschienenen Bestseller-Romans „Mängelexemplar“ nimmt sich Sarah Kuttner eines sehr ernsten Themas an: Im Fokus stehen psychische Störungen wie Depressionen und Angststörungen – speziell in Form der sogenannten „Quarterlife Crisis“ – ein Zustand von Orientierungslosigkeit und Unsicherheit im ersten Lebensviertel („Quarterlife“).

Aussöhnung mit dem inneren Kind

Karos Sinnkrise wird in der Tragikomödie sehr einfühlsam und anschaulich dargestellt, indem diverse Elemente verwendet werden, die Karos Innenleben für die Zuschauer sichtbar und verständlich machen. So finden beispielsweise viele innere Monologe statt, die ihre Gedanken und Gefühle offen legen und dem Betrachter dadurch erlauben, sich in Karo hineinzuversetzen und mit ihr mitzufühlen. Außerdem bedient sich Regisseurin Laura Lackmann mit Karos häufig erscheinendem „inneren Kind“ einer modellhaften Betrachtungsweise innerer Erlebniswelten aus der Psychologie. Dieses „Kind“, das im Film als echtes Kind dargestellt wird und anfangs noch ein wenig irritiert, steht symbolisch für aus der Kindheit gespeicherte Erfahrungen, Erinnerungen und Emotionen und speziell in Karos Fall für die Konflikte mit ihrem „inneren Kind“, welche aus mangelnder elterlicher Zuneigung resultieren. Mit diesem Element des inneren Kindes, das sich durch den ganzen Film hindurch zieht, wird Karos Entwicklung und ihre schrittweise Annäherung an das Kind ganz wunderbar veranschaulicht.
 
Fazit: Trotz einiger verwirrender und manchmal auch etwas langatmiger Szenen ein wirklich anspruchsvoller und gut durchdachter Film, der ein schwieriges Thema – das in unserer Gesellschaft leider immer noch zu oft als Tabu-Thema angesehen wird – interessant und zugleich sensibel inszeniert. Keine leichte Kost also, aber auf jeden Fall lohnend und sehenswert. Ein Film, der gleichzeitig berührt, aufrüttelt und zum Nachdenken anregt.

Tabea Hornung (academicworld.net)

Mängelexemplar

Ab dem 12. Mai 2016 im X-Verleih im Kino!

Share.