Ein Stück Weltgeschichte

Eine junge Frau macht sich Anfang des 20. Jahrhunderts auf den Weg in das heutige Pakistan – zu archäologischen Grabungen. Ein Schritt, der sie bis in die Unruhen kurz vor den Zweiten Weltkrieg bringt, als Indien seine Unabhängigkeit von den Briten einfordert …

Vivian Rose ist ein Produkt ihrer Umwelt: Anfang des 20. Jahrhunderts wächst sie in England heran. Ihre Mutter ist – typisch weiblich – sehr zurückhaltend, der Vater wider Erwartens gesellschaftlichen Entwicklungen positiv gegenüber eingestellt. Das heißt für die junge nichts anderes, als dass sie im Alter von 23 Jahren allein zu einer Gruppe internationaler Archäologen stoßen darf, um in der Region Peschawar aktiv mit zu graben. Mit von der Partie ist ein enger Freund ihres Vaters, Tahsin Bey. Der Türke und das Mädchen entwickeln allmählich eine zarte Zuneigung zueinander – da reisst der Erste Weltkrieg die beiden auseinander. Vivian begeht einen kradinalen Fehler und verliert Tahsin aus den Augen. Ihr eigenes Leben spült sie zurück an die Küsten Englands, wo sie gemeinsam mit anderen Frauen ihren Weg als Krankenschwester geht. Diese Zeit wühlt sie so sehr auf, dass sie der Kriegsmaschinerie entfliehen möchte – und reist kurzerhand zurück nach Peschawar (im heutigen Pakistan). Dort sucht sie an Tahsins Stelle nach einem legendären Silverreif des Skylax, stattdessen trifft sie vor allem erst einmal auf Najeeb. Der kleine junge ist ein nuegieriges, unbeschriebenes Blatt und sie beginnt, ihn in Archäologie und Altertumsgeschichte zu unterrichten. Seiner Familie und vor allem seinem großen Bruder passt das aber nicht. Denn der kam gerade erst mit einem Auge weniger auf dem Weltkrieg zurück nach Hause und hat genug Probleme, sich wieder einzufinden in seinen Alltag. 

Alle drei Schicksale der so unterschiedlichen Charaktere sind untrennbar miteinander verbunden – selbst, als sich Indien/ Pakistan auf den Weg zu seiner politischen Unabhängigkeit von den Briten macht und Blut in Strömen fließt …

Die Kritik

Fas Fazit vorab: Grandios, wirklich! Der Autorin ist ein super einfühlsames Buch gelungen, das die großen Themen wie Liebe, Krieg, Freundschaft und Gesellschaft in sich vereint – und nebenher den Leser in einem wichtigen Stück Weltgeschichte und -politik weiterbildet. Die Seiten fliegen nur so aus den Händen und man hat das Gefühl, neben Vivian Rose zu stehen und alles mitzuerleben.

Klitzekleines Manko: Es ist ein klassischer Fall von „irreführender Klappentext“ – oder vielleicht habe ich das mit der „Geschichte einer großen Liebe“ falsch interpretiert. Der Mann, auf den es sich beziehen könnte, verschwindet im Verlauf von der Bildfläche. Oder ist die Liebe zur Freiheit gemeint, die Indien vor dem Zweiten Weltkrieg erschüttert und die Engländer vertreibt? Oder ist es die Liebe zur Vergangenheit, die Archäologen antreibt? Ich hätte auf die Liebe zwischen zwei Menschen getippt und sehe diesen Aspekt nicht in der sonst wirklich stark erzählten Geschichte.

Kamila Shamsie ist eine prägnante Erzählstimme, die mit einer jungen, unerfahrenen Hauptperson beginnt – die noch dazu aus der herrschenden Klasse stammt. Was sie aber eigentlich erzählt, ist die Geschichte des Landes Pakistan. Genauer gesagt der Region und Stadt Peschawar, das damals noch zu Indien gehörte und in den Jahren dieses Buches unter der Herrschaft der Engländer stand. Das ist ein exzellenter Kniff, denn so kann sich der Leser mit der Hauptperson weiterentwickeln.

Auch wenn die Personen bis auf historische Größen wie Alexander fiktiv sind, bietet das Buch einen exzellenten Einblick in einer literarisch bisher sehr wenig verarbeitete Region unserer Erde. Wenn wir mal ehrlich sind: Alles, was wir über Pakistan wissen ist das, was die Medien in Verbindung mit Terror darüber schreiben. Vielleicht war es so nicht beabsichtigt, aber die Autorin stellt uns damit ganz schön vor unser Spiegelbild. Und es ist kein schönes Bild, das uns da entgegen blinzelt.

Ich bin ganz hin und weg!

Bettina Riedel (academicworld.net)

Kamila Shamsie. Die Straße der Geschichtenerzähler.
Berlin Verlag. 10,00 Euro.

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