Ein Mensch verfällt

Verführt von einem Fremden folgt die 29-jährige Jessica Gold einem Unbekannten am Weihnachtsabend in seine Wohnung. Dort wird sie die nächsten zwölf Tage lang festgehalten, erniedrigt und misshandelt. Jeden Tag erhält sie von ihrem Entführer ein Geschenk, das sie ihrem Tod ein Stück näher bringt.

Durch seinen Charme gelingt es Dominic Lacey, die eigenbrötlerische Jessica während ihrer Weihnachtseinkäufe in seine abgelegene Wohnung zu locken. Dort angekommen, lässt er sofort seine Maske fallen und es wird klar, dass Jessica die Wohnung nicht mehr lebend verlassen wird. Tagelang hält der Sadist sie fest und erniedrigt sie. Sie verbringen Heiligabend und Neujahr miteinander. An jedem der zwölf Tage nach Weihnachten erhält Jessica ein makabres Geschenk von ihrem Peiniger. Als Ich-Erzählerin schreibt sie die Ereignisse während ihrer Gefangenschaft nieder und teilt ihre Qual mit dem Leser.

Dass es hier nicht um Sex geht, stellt uns der Entführer ganz am Anfang klar. Das sei nicht so sein Ding. Vielmehr möchte er Jessica die totale Erniedrigung erfahren lassen. Über die Weihnachtstage feiert er ihre seelische und körperliche Auflösung. Sie ist niemals allein: Lacey beobachtet ihren Schlaf, ihren Toilettengang und all ihre Körperfunktionen. Wie ein Haustier hält er sie in einer Hundehütte in seinem Schlafzimmer. Wenn er mit ihr zufrieden ist, dann wird sie belohnt: mit Streicheleinheiten, gemeinsamem DVD-Schauen und damit, dass sie nicht auf dem eiskalten Boden schlafen muss. Wenn er unzufrieden ist – und das ist er meistens –wird sie bestraft.

Jessica Gold ist Vegetarierin. Der Entführer zwingt sie, Fleisch zu essen. Anfangs sind das noch normale Speisen, doch bald schon zwingt der Sadist sie dazu Müll zu fressen. Er mästet sie mit einem Cocktail aus Abfällen und Essensresten und stopft Tiereingeweide in Jessica hinein. Danach genießt er es, ihr zuzusehen, wie sie sich erbrechen muss. Tammy Cohen macht ihren Thriller zum Bodyhorror-Schocker: Durch Vernachlässigung, Fehlernährung und Schlafentzug erreicht Dominic Lacey den Verfall von Jessica Gold. Sie wird immer kränker, ihr fallen Haare und Fingernägel aus und auf ihrem ganzen Körper machen sich Entzündungen und Ausschläge breit. Der Entführer lässt sie am lebendigen Leib verrotten.

Jessica erhält von ihrem gestörten Peiniger zwölf Geschenke, eines an jedem Tag. Manche davon sind auf den ersten Blick harmlos, andere von einer beklemmenden Seltsamkeit. Jedes davon aber ist mit einer Episode aus der Vergangenheit des Entführers verknüpft. Nach und nach wird die Geschichte Dominic Laceys erzählt, dessen eigene Abartigkeit in der Widerwärtigkeit seines Elternhauses begraben liegt. Lacey zelebriert sein eigenes Kaputtsein und erzählt Jessica stolz von seiner eigenen Vergangenheit und von den Leichen, die seinen Weg pflastern. 

Und dann kommt der Twist: Es offenbart sich, dass Jessica in ihrem Bericht vielleicht nicht ganz die Wahrheit gesagt hat. Der Plot-Twist ist interessant und überraschend, nimmt allerdings zu viel Platz im Buch ein. Er füllt ein wenig mehr als das letzte Drittel des Buches und ist damit zu lang, vor allem weil nach den Enthüllungen keine Geheimnisse mehr gelüftet, sondern nur noch Dinge klargestellt werden. Der Ekelschocker wird nun zum einfachen Krimi.

Die ersten zwei Drittel des Buches sind extrem spannend und es gelingt der Autorin, das körperliche Leiden der Protagonistin völlig auf den Leser zu übertragen. Man spürt ihre Übelkeit, ihr Krankwerden, ihren Verfall. Die Erzählung verliert allerdings an Tempo bei der Aufklärung im letzten Drittel der Erzählung. Hierbei spricht allerdings für die gnadenlose und plastische Erzählkunst Tammy Cohens, dass man im letzten Teil des Buches den masochistischen Wunsch entwickelt, es hätte den Storytwist nicht gegeben und man wäre noch gefangen in der Wohnung des perversen Dominic Lacey.

Florian Deichl (academicworld.net)

Während du stirbst. Tammy Cohen.

blanvalet. 9,99€.

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