Die ultimative Versuchung

Aus ihrem lockeren Leben in Indien wird die junge Gemma abrupt herausgerissen: Ihre Mutter begeht Selbstmord, der Vater flüchtet sich in eine Laudanum-Sucht. Gemma wird nach London in ein Internat verfrachtet – und findet dort den Zugang zu einem magischen Reich. Ein Ort mit mächtigen Versuchungen …

Gemma Doyles Mutter wird in Indien von einem dunklen Schattenwesen gejagt – in ihrer Verzweiflung sticht sie sich selbst einen Dolch in die Brust. Seither plagen schwere Visionen ihre Tochter – die nach dem tragischen Vorfall nach London in ein Internat verfrachtet wird. Ab jetzt stehen Benehmen und andere vorteilhafte Künste einer baldigen Ehefrau auf dem Stundenplan. Gemma will rebellieren und findet doch nur Anschluss bei Ann, ihrer schweigsamen Zimmergenossin. Bis ausgerechnet der heimliche Star ihrer Klasse auf sie aufmerksam wird: Felicity und ihre Freundinnen. Der Schein trügt: Aus echtem Streit wird eine ernsthafte Freundschaft.

Dann findet Gemma das Tagebuch einer verstorbenen Schülerin und es geht mit ihren Visionen erst so richtig los. Zusammen mit Felicity, Ann und Pippa stellt sich Gemma der Verwandlung, der sie bald alle erlegen werden: Denn es gibt eine magische Welt, zu der nur Gemma Zutritt hat. Und es gibt das Schattenwesen, dass wirklich existiert und Gemma zu seinen Zwecken missbrauchen möchte. Da mit Magie auch Macht einhergeht, steht nicht die Freundschaft zu Felicity plötzlich auf der Kippe – auch das Schicksal ihrer Mutter ist noch nicht entschieden.

Die Kritik

Es gibt mehrere Themen, die in diesem Buch verarbeitet werden: Einerseits der Verlust der Eltern im jungen Alter. Gemmas Mutter ist definitiv gestorben, ihr Vater verliert sich im Verlust – und lässt seine Kinder aus den Augen. Ihr großer Bruder distanziert sich in den Anstandsregeln der Gesellschaft. Gemma bleibt irgendwie „übrig“ und muss selbst schauen, wie sie damit zurecht kommt. Als Stilmittel verwendet die Autorin einen sehr feinen Zynismus, der den Leser so manches Mal zum lachen bringt, erboste Blicke in der U-Bahn sind vorprogrammiert. 

Andererseits wird das Thema Macht serviert: Wie es sich anfühlt, scheinbar plötzlich mächtig zu werden, wie sie die Seele und die eigene Moral korrumpieren und in Versuchung führen kann. Wie schnell Macht sich selbst zu einer absoluten Priorität in unseren Leben macht und wie ein Parasit die volle Aufmerksamkeit auf sich zieht – zu Ungunsten der Dinge, die vorher wichtig waren. Freundschaften beispielsweise, die vollkommen irrational in gefahr gebracht werden müssen. 

Der Umgang mit beiden Themen ist sehr konkret, weil die Autorin es auf ganz bestimmte Personen fokussiert, die mit dem Hauptcharakter in streng definierter Beziehung stehen. Das macht es ziemlich realistisch und dem Leser einfach, sich in die Geschichte hineinzufühlen.

Ein kleines Manko ist, wie unkonkret dagegen der Umgang mit dem Magischen Reich ist. Wo liegt es? Warum kann nur Gemma dorthin reisen? Sind die Wesen, die dort Leben, nur Einbildung? Kann Magie enden? Wie schaffen sie es, die Magie in ihre eigene Welt zu transportieren? Warum können plötzlich auch die normalen Freundinnen von Gemma Magie ausüben? Hier bleiben einige Fragen offen, was leider nicht unter „Stilmittel“ fallen kann. Hier fehlt einfach etwas.

Die Geschichte selbst ist spannend und die Charaktere sehr unterhaltsam. Die Handlung packt genug zu, sodass man als Leser am Liebsten mitreisen möchte oder die Mädchen an der Schulter packen, um sie anzubrüllen – weil sie natürlich Teenager sind und ihre Entscheidungen … Hormongetrieben.

Das Fazit: Empfehlenswert, weil inhaltlich neuartige, zarte Erzählstränge mit Zynismus, Magie und dem gewissen Quäntchen Spaß gut unterhalten.

Bettina Riedel (academicworld.net)

Der geheime Zirkel. Libba Bray.
dtv. 10,95 Euro.

Share.