Die Managementmethoden der Narcos

“Narconomics”, so heißt das neue Fachbuch von Tom Wainwright. Darin nimmt er die Kartelle Lateinamerikas unter die Lupe und zeigt, wie erstaunlich ähnlich diese Verbrecherorganisationen den global agierenden, legalen Unternehmenskonzernen sind.

Wie, Kartelle sind legalen Unternehmen ähnlich? Wenn man mal so darüber nachdenkt, ist das gar nicht so absurd. Beides sind Organisationen, die monetären Profit als Endziel haben. Dazu stellen sie Produkte her und verkaufen sie auf dem Markt. Geführt werden sie über mehrere Hierarchieebenen hinweg. Unterscheidungspunkt 1: Läuft etwas schief, können sie sich vor Gericht nichts einklagen, außerdem ist ihr Geschäftszweck natürlich alles andere als legal. Trotzdem werden auch sie von gängigen Problemen wie Personalengpässen geplagt. Das klingt lapidar, könnte aber für die Regierungen ein wesentlicher Punkt sein, um anzusetzen und massiven Schaden anzurichten …

Von Pablo Escobar (aktuell bekannt aus der Serie Narcos!) bis Zeta werden alle großen Namen genannt. Der Autor trägt nicht nur von seinem Schreibtisch aus Informationen zusammen, sondern hat sich in klassischer und gefährlicher Manier selbst jenseits der Grenzen auf die Suche gemacht.

Sein wird nach einigen Kapiteln immer deutlicher: Es geht nicht nur darum, Kartelle mit legalen Organisationen zu vergleichen. Er vergleicht sie, um sie in ihrem Wesenskern zu erfassen. Denn nur, wenn man den Widersacher kennt, kann man erfolgreich mit ihm umgehen – oder bekämpfen. Natürlich schält sich aus dem wirtschaftlichen Dickicht bald die Diskussion um die Legalisierung heraus. Die seit Jahrzehnten geführte Diskussion greift er zum Glück nicht auf, denn hier wurde bald alles gesagt, was es überhaupt zu sagen gibt. Stattdessen sammelt er weiter Fakten und kuriose Vorgänge, probiert sich an verschiedenen ökonomischen Modellen aus – und entwirft dabei spielerisch sogar einen Index, nach dem Länder aus Kartellsicht hinsichtlich ihrer Eignung für einen Standort bewertet werden. Was den Leser, den Autor und hoffentlich auf die Verantwortlichen zu den genauen Punkten führt, an denen angesetzt werden muss. Plantagen zu vernichten ist wirtschaftlich relativ sinnfrei, weil eine Tonne Gras mitnichten mit größeren Mengen der fertigen Droge auf dem Markt entspricht – und den Kartellen insofern finanziell nicht einmal Kopfschmerzen verursacht. Vielmehr den Bauern, die keine Ware mehr zum verkaufen haben.

Ab dem zweiten Drittel folgt ein Ausflug in die Welt der legalen Rauschmittel, die – wie könnte es in der Ironie der Sache auch anders sein – mittlerweile weit gefährlicher sein können als die verbotenen Substanzen. Denn sobald eine vorher frei verfügbare Substanz verboten wird, wird ihre chemische Struktur leicht überarbeitet – und die Droge so neu wiedergeboren. Ganz so einfach ist es also nicht mit dem Argument Legalität. Bevor nun aber jedes Kapitel hier zusammengefasst wird, noch ein allgemeiner Eindruck zum Abschluss:

Über das gesamte Buch erfährt man nie, welche persönliche Einstellung der Autor selbst zum Thema Drogen hat – ein absolutes Qualitätskriterium. Denn es beweist, wie objektiv er sein Wissen zusammengetragen hat und nun weitergibt. Dabei schafft er es, einen lockeren Plauderton zu pflegen. So bleibt man als Leser auch über lange Strecken bei der Stange, was ich für Sachbücher sehr ungewöhnlich finde. Gäbe es mehr davon, würde der Sachbuchmarkt stark gesteigerte Absatzzahlen verzeichnen!

Fazit: Höchst lesenswert!

Bettina Riedel (academicworld.net)

Narconomics – ein Drogenkartell erfolgreich führen, Tom Wainwright.
Blessing Verlag. 19,99 Euro.

PS: Auch wenn es fachlich wenig aussagt – aber das Buch in der S-Bahn zu lesen, macht besonders viel Spaß. Die Blicke der Mitfahrenden sind Gold wert!

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