Die Intimität eines Opernglases

Beim Begriff „Stalker“ sträuben sich vielen die Nackenhaare. Aber so sieht sich Mr. Heming ja sowieso nicht. Für ihn werden diese Menschen seine besten Freunde … Ein Krimi, in dem der Autor den Spieß umdreht: Der Täter nimmt uns mit in seine Gedankenwelt.

Der Klappentext entspricht vollends dem Inhalt: Wir folgen den Wegen eines Mr. Heming, Mr. William Heming. Er gilt in Norfolk as respektabler Immobilienmakler, schleppt aber so manches, dunkles Geheimnis mit sich herum. Wobei – so dunkel findet er sie ja gar nicht. Schließlich kann er nichts dafür, dass er die Menschen sich so verhalten, wie sie es tun. Und wenn sie ihn dabei erwische, wie er in ihrem Leben rumschnüffelt, muss er sich schließlich wehren können. Zum Glück passiert das recht selten. Bis zu dem Zeitpunkt, als er seine Aktentasche vergisst, zurückkehrt und der Mr. Sharp mit Musik im Ohr den Inhalt genau dieser Tasche durchblättert… Das Ganze wird komplizierter als gedacht, denn Mrs. Sharp kommt auch bald zurück, Mr. Hemings neuestes Stalking-Opfer ist mit Mr. Sharp liiert und die Polizei hat einige unangenehme Fragen …

Die Kritik

Natürlich geht es um Intimität. Die verschafft der Protagonist sich durch sein Stalker-ähnliches Verhalten. Auf seine Art geht er mit der Zielperson eine enge, emotionale Verbindung ein. Die nicht dadurch zerstört werden kann, dass sich der andere zurück zieht. Die aus einer sicheren Distanz stattfindet. Er definiert sie für sich daher als die echte und einzig wahre Art der Intimität, im Gegensatz zu dem, was unsere Gesellschaft als intim bezeichnet. Dahinter steckt natürlich die Frage, auf welche Art man jemanden besser kennenlernen kann: Wenn man ihn penibel auseinandernimmt oder mit ihm zusammen lebt? Mr. Heming hat das für sich eindeutig beantwortet – und rutscht damit auf einen ziemlich kriminellen Ast ab.

Dass Mr. Heming nicht ganz zurechnungsfähig ist, ist recht schnell offensichtlich. Da entführt er als Kind zwei Nachbarskinder, ein Unschuldiger wandert in den Knast und als ein Baby – sein neugeborener Bruder – „verschwindet“, geht er auch als Erwachsener davon aus, dass es nur verschwunden ist. Natürlich ist es tot. Das ist ein Beispiel dafür, in welchem Ausmaß Mr. Heming einfach vollkommen verfremdet gegenüber der Welt ist. Klar, er hat sich deshalb seine eigene aufgebaut. Nur sterben deswegen leider Menschen. Warum er noch nie eingesperrt wurde? In seiner Kindheit haben die Leute die Augen geschlossen und verdrängt. Als Erwachsener stellt er sich eindeutig zu klug an. Wobei er natürlich in jeder CSI Serie schnell geschnappt werden würde. Aber wir sind in Norfolk, England und nicht beim CSI.

Doch in welcher Position befindet sich eigentlich der Leser? Denn Mr. Heming erzählt seine Geschichte selbst, und er erzählt sie einer bestimmten Zielgruppe: Ist es ein Polizeiverhör? Spielen die Leser den Psychologen für ihn? Spricht er zu einem Opfer seiner Überwachungsspiele?

Herausgekommen ist ein Psychospiel: In Rückblenden erfahren wir, wie der Kerl wurde, wie er ist. Auch wenn er sich selbst Anfangs genau von solchen Analysen distanziert: Es gäbe kein Grund, warum jemand ein Psycho-Mörder würde, jeder ist Herr seines eigenen Schicksals. Das ist natürlich eine Begründung aus der Art, wie er aufgewachsen ist: Stark in sich gekehrt. Dieses Thema findet sich auch im Buchtitel wieder: Sein Verhalten wird als Berufung betitelt – also etwas, das keine Entscheidung ist, sondern ein übermächtiger Ruf. Geprägt wird er aber wohl von seiner Umwelt. In der Gegenwart findet er ein neues Opfer, der er stalkt – bis es wieder einen Toten gibt.

Fazit: Liest sich flüssig, baut sogar noch etwas Spannung auf, ist psychologisch interessant – aber definitiv kein klassischer Thriller. Vier von fünf imaginären Sternen!

Bettina Riedel (academicworld.net)

Phil Hogan. Die seltsame Berufung des Mr. Heming.
Heyne. 9,99 Euro.

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