Die Geschichte einer verlorenen Liebe

Nichts gutes währt ewig. Auch die Liebe von Cindy und Dean ist in der Monotonie des Alltags zu Ende gegangen. Derek Cianfrance zeigt Szenen einer Ehe, die vorbei ist und Szenen einer Liebe, die gerade beginnt. Er erzählt die Geschichte einer gescheiterten Beziehung – von beiden Seiten aus, Anfang und Schluss nähern sich an und irgendwo dazwischen das gemeinsame Leben.

Die Ernüchterung nach der großen Liebe - filmisch festgehalten. © Senator
Die Ernüchterung nach der großen Liebe – filmisch festgehalten. © Senator

Der Anfang vom Ende

Viele Beziehungen scheinen von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Bei Cindy (Michelle Williams) und Dean (Ryan Gosling) hat man dieses Gefühl eigentlich nicht. Zwei gutaussehende, ordentlich gekleidete, nette junge Menschen treffen sich im Altenheim, verlieben sich, beschließen zusammen zu bleiben. Er schmettert ihr vor einem Brautmodengeschäft auf der Ukulele ein Liedchen, sie tanzt dazu – wer sich gemeinsam zum Affen machen kann wird doch auch gemeinsam leben können?

So leichtfüßig die Vergangenheitsepisoden anfangs daher kommen, durch die Gegenüberstellung mit der “Gegenwart” der vom alltag zermürbten Eheleute bildet sich von Anfang an ein ambivalentes Bild. Schließlich bildet den Anfang ein kleines Mädchen allein im Wald. Es schreit nach seiner Mama, verzweifelt. Es wird sich herausstellen, dass dies noch kein Moment der tiefsten Verzweiflung ist, vielleicht aber doch schon ein vorausdeutendes Bild. Das Kind, das der Grund für die schnelle Ehe war, das am Ende das einzige zu sein scheint, was die beiden noch verbindet.

Romantische Ständchen gibt es nur am Anfang. © Senator
Romantische Ständchen gibt es nur am Anfang. © Senator

Sind Männer die wahren Romantiker?

In einer der zeitlich frühsten Szenen stellt Dean die Theorie auf, dass Männer die wahren Romantiker sind, sie würden nur aus Liebe heiraten, die Frauen hingegen würden aus Berechnung und Kalkül den besten Versorger wählen. So “gut” wie er hier am Anfang klingt scheint er Cindy zunächst auch zu sein: Er liebt sie, steht ihr bei, bleibt bei ihr, auch wenn nicht sicher ist, dass das Kind, das sie erwartet von ihm ist. Er ist der gute Kerl, der das – scheinbar – Richtige tut.

Und doch bleiben am Ende vor allem verletzte Gefühle und zerplatzte Träume. Der Alltag hat die beiden aufgerieben. Sie trauert dem ungenutzten Potenzial hinterher, er versteckt sich hinter Alkohohl und Sonnenbrille. Das früher so strahlende Lächeln der beiden ist verschwunden. Wenn sie sich nicht anschweigen herrschen Missverständnisse vor. Und es stellt sich die Frage: Ist es vorbei, wenn sie sich weiter die Haare wäscht, während er sie küsst?

Die Nacht im “Zukunftszimmer” eines Hotels wird so tatsächlich zum Richtungsweiser in die Zukunft. So geht es nicht weiter. Ja, sie lieben sich noch, aber nein, das ist nicht genug.

Wahrhaftiges Spiel

Etwa 6 Jahre dauert die Liebe von Cindy und Dean. Ungefähr genau so lang hat Regisseur Derek Cianfrance mit Michelle Williams an ihrer Rolle gearbeitet. Nur geringfügig kürzer mit Ryan Gosling. Vielleicht ist diese starke Beteiligung schon im Entstehungsprozess der Geschichte der Grund dafür, dass die beiden Hauptdarsteller sich so bedingungslos auf ihre Rollen einlassen. Und die beiden sind gut.

Man kauft ihnen – vielleicht auch dank der größtenteils improvisierten Szenen – sowohl die aufkeimende als auch die erlöschende Liebe ab. Sie spielen in einer Intensität und Radikalität, wie man sie in Beziehungsdramen nicht alle Tage sieht. Das bewegt und lässt den Zuschauer fragend zurück, denn was zwischen Anfang und Ende passiert ist, bleibt im Dunkel. Wann die Liebe der beiden Gestorben ist wissen wir nicht, wir sehen nur, wie sie sie zu Grabe tragen. Mit Verzweiflung, Hass und Tränen. Zurück bleiben zwei verletzte, gebrochene Menschen und ein grüblerischer Zuschauer.

Gisela Stummer (academicworld.net)

 

Blue Valentine

Regie: Derek Cianfrance

Darsteller: Michelle Williams, Ryan Gosling, Mary-Ann Plunkett, Mike Vogel, John Doman

Im Verleih von Senator Film

 

 

 

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