Die drei ???, die Hörspielkönigin und vieles mehr

Das Hörspiellabel EUROPA hat schon unzählige Kinder, Jugendliche und Erwachsene akustisch beglückt. Einer der Gründer, Andreas Beurmann, läßt in seinem Buch “Die drei ???, die Hörspielkönigin und vieles mehr” nun rund 40 Jahre deutsche Hörspielgeschichte Revue passieren.

Vom Glück, ein Kassettenkind zu sein

Wer im (damaligen) Westdeutschland der 1970er Jahre das Licht der Welt erblickt hatte, war zwar ins uncoole Niemandsland zwischen Hippie- und Yuppie-Zeit geraten, wurde mit hoher Wahrscheinlichkeit aber trotzdem etwas Wunderbares, nämlich ein Kassettenkind. Tatsächlich zählt die Begeisterung für Hörspielkassetten zur kollektiven Erfahrung jener Generation, bei der erstmals eigene Kassettenrekorder in den Kinderzimmern standen und die mit einem bisher ungekannten Angebot an Jugend(krimi)serien aufwuchs.

“Die drei ???”, “TKKG” oder “Fünf Freunde” – Das waren und sind nicht nur liebgewonnene Gefährten aus Jugendzeiten, sondern für viele älteren Semester noch heute bevorzugte Begleiter während Autofahrten, vertraute Stimmen beim Entspannen oder schlichtweg prima Kumpels zum Wegträumen.

Diese Kassettenkinder, gewissermaßen ‘Avantgarde-Nostalgiker’, hatten nicht nur gehörigen Anteil an der Renaissance im Jugendhörspielsektor und zählen inzwischen zu einer starken Kaufklientel. Sie sind es auch, die der Georg Olms Verlag mit Beurmanns Buch primär ansprechen will. Warum würden sonst die ‘Drei ???’ den Titel dominieren, warum wäre dann ein schwarzer Umschlag mit den von den Covern bekannten Schriftfarben weiß, rot, blau gewählt? Dabei setzt der vorliegende Band ganz andere Schwerpunkte.

Lesetip: Wer mehr über die wahren Hintergründe der Kassettenkinder erfahren will, dem sei empfohlen: Annette Bastian: Das Erbe der Kassettenkinder… ein spezialgelagerter Sonderfall. eccomedia Verlag 2003

Heikedine Körting und Co.

Andreas Beurmann legt nämlich eine Art eingeschränkte Bestandsaufnahme des Studios EUROPA vor, von der Einführung des Labels 1965 innerhalb der ’Miller International Schallplatten GmbH’ (Gründung 1961) bis zur Gegenwart als Teil von ‘Sony Music Entertainment Inc.’. Die beliebtesten Hörspiele, ihre Helden und Sprecher werden vorgestellt, die Erfolge in Form von Goldenen Schallplatten und anderen Auszeichnungen gewürdigt, verschiedene Mitarbeiter und Autoren präsentiert.

Hervorgehoben wird natürlich Heikedine Körting, erwähnte ‘Hörspielkönigin’ und Ehefrau Beurmanns, die als Produzentin sowie Regisseurin maßgeblich zu EUROPA`s Renommée beigetragen hat.
Entstanden ist eine Art Scrap-Book, eine bunt bebilderte Galerie von Hörspiel-Highlights, deren zahlreiche Photos durchaus einem Insiderwerk angemessen sind, die ansonsten jedoch höchst subjektiv und extrem selektiv ausfällt. Negatives wird allenfalls gestreift, auch wenn EUROPA nicht nur Glanzzeiten erlebt hat, etwa die Krise des Hörspiels gegen Ende der 1980er Jahre überstehen musste, und sich vor allem beim Rechtsstreit um die Tantiemenvergütung mit Komponist Carsten Bohn kaum rühmlich hervortat.

Dabei ist es gerade dessen Jazzrock-Fusion-Soundtrack, der für die (r)echte Hörspielatmosphäre sorgte und Hardcore-Kassettenkinder noch heute in wohlige Verzückung versetzt. Für ihn hat Andreas Beurmann nur eine Randnotiz übrig. Schade, hier wäre weniger nachtragende Empfindlichkeit und mehr respektvolle Großzügigkeit dem Künstler gegenüber angebracht gewesen.

Lesetip: Wer Kult in Reinform erleben will, dem sei ans ???-Herz gelegt: Christian Bärmann, Jörn Radtke, Uwe Tölle: Die drei ???. 30 Jahre Hörspielkult. falkemedia Verlag 2009

Nichts Neues, aber etwas Schönes

Überhaupt wirkt das Buch, das wenig Neues und schon gar nichts spannend Hintergründiges bietet, wie unter Zeitdruck entstanden. Achtlosigkeiten bei der Zeichensetzung, teils zusammengewürfelte, unpräzise (mal werden die Hörspiel- Sprecherrollen aufgelistet, mal nicht), gelegentlich sogar lückenhafte Auskünfte (z. B. findet die seit 2008 laufende Fortsetzung von “Hui Buh” keine Erwähnung), dazu eine allzu fragmentarische Aufzählung von Darstellern, bei der ein berühmter Name offenbar mehr zählt, als die wirkliche Bedeutung im Hörspielkosmos. Dass etwa Veronika Neugebauer, TKKG-Sprecherin der ersten Stunde und vor zwei Jahren überraschend verstorben, keinen Extraeintrag unter den Künstlern erhalten hat, ist mehr als nur eine bedauerliche Nachlässigkeit.

Auch wenn es sich, wie im Buch mehrmals erwähnt, stets um eine ‘Auswahl’ an Informationen handelt, kann das freilich kaum als allgemeine Rechtfertigung herhalten für inhaltliche Versäumnisse und klare Defizite.

Gleichwohl macht das Werk Spaß, so lange man es nicht als historische Dokumentation von Mediengeschichte, Gesamtschau eines millionenschweren Unternehmens, akribische Faktensammlung zu den EUROPA-Hörspielen oder Studie eines Kulturphänomens betrachtet. Das alles leistet es kaum, ist stattdessen ein (angemessenes Eigen-)Lob für jahrzehntelangen ‘Dienst am Ohr des Hörers’, eine (nicht ganz so angemessen kritiklose) Rückschau auf einen beispiellosen Erfolg ‘nur vom Hörensagen’ und eine persönlich gefärbte Erinnerung an ‘Tage des Zuhörens’.

Wir Kassettenkinder erinnern uns da gerne ein bisschen mit, wissen wir doch aus eigener Erfahrung von der Macht der Akustik. Für uns wird immer gelten:

ROCKY BEACH FOREVER!

Lesetipp: Wer immer noch nicht genug hat vom vielleicht schönsten aller Hobbys, schmökert weiter in: Björn Akstinat: Das ABC der drei Fragezeichen. Humboldt 2008

(Nathalie Mispagel)


Andreas E. Beurmann. Die drei ???, die Hörspielkönigin und vieles mehr
14,50 Euro. CLMS

Nathalie Mispagel lebt in Hassloch bei Frankfurt und studierte Jura, Allgemeine und Vergleichende Literatur- sowie Filmwissenschaft. Sie promovierte in Komparatistik und hat mit “New York in der europäischen Dichtung des 20. Jahrhunderts” (erschienen bei Königshausen & Neumann) jüngst ihr erstes Buch veröffentlicht.

Die leidenschaftliche Cineastin schreibt seit zwei Jahren für academicworld.net.


Stand: November 2011
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