Das liebe Leben und seine Tücken

Jeder kennt das: Man ist unzufrieden, verzweifelt und fragt sich manchmal “Wie soll es bloß weitergehen?”. Den entscheidenden Schritt zu wagen und sein Leben zu ändern, davor haben wir dann aber doch irgendwie Angst. So geht es auch den Hauptfiguren in Tom Winters “Unbekannt verzogen”. Zunächst.

Und, wie ist das bei Ihnen: Wenn ich Sie fragen würde, ob Sie mit Ihrem Leben zufrieden sind, was würden Sie mir antworten? “Es geht so”? “Alles perfekt”? Bestimmt würden manche aber auch antworten: “Gerade läuft es nicht so gut”. Ich selber würde behaupten: “Es läuft seine Bahn”. Nun, ich bin 25 Jahre alt, habe gerade mein Studium beendet und vor ein paar Tagen meine Doktorandenstelle angetreten. Alles nach Plan, aber noch habe ich nichts Besonderes in meinem Leben geleistet.

Zum Verzweifeln …

Carol, die Hauptfigur aus Tom Winters “Unbekannt verzogen”, ist in einer anderen Situation. Sie ist 38 Jahre alt und stellt fest, dass ihr Leben schrecklich ist – und momentan kann nur sie selbst etwas daran ändern. Also gibt sie sich zu Beginn des Buches einen Ruck und fasst den festen Vorsatz, ihren Mann Bob zu verlassen. Doch leider “passt” es gerade wieder nicht: Bei Bob wird ein Hodentumor diagnostiziert. Und Carol beschließt, erst noch den weiteren Krankheitsverlauf abzuwarten, bevor sie Bob und ihre Tochter Sophie verlässt. Auf die paar Monate kommt es jetzt ja nun auch nicht mehr an, nachdem sie seit 15 Jahren in ihrem selbst gebauten Käfig namens “Ehe und Familie” sitzt.

Auch Freundin Helen ist keine große Hilfe, trotzdem Carols einzige Person, mit der sie offen sprechen kann. Diese gibt ihr auch den Rat, Briefe “ans Universum” zu schreiben. Carol tut das ab, doch eines Tages greift sie doch verzweifelt zum Stift. Und damit es sich auch “echt” anfühlt, wirft sie den Brief auch in den Kasten.

© Lupo / pixelio.de


Lebensrettende Briefe

Ohne es zu wissen, rettet sie mit ihrem eigenen Kummer ein anderes Leben. Postmann Albert ist nämlich kurz vor der Rente und hat seit dem Tod seiner Frau vor 40 Jahren keine Freude mehr am Leben. Nur Katze Gloria leistet ihm noch Gesellschaft – und die hat vor kurzem versucht, durch einen Sprung aus dem Fenster des sechsten Stocks Selbstmord zu begehen.

In diese Rahmenbedingungen treffen nun Carols “Smiley”-Briefe. Für Albert werden sie der Inhalt seines langweiligen Alltags, er fasst neuen Mut und fängt an, seine eigenen Probleme anzupacken. Carol hingegen kann ihre Gedanken mitteilen – ohne jedoch zu wissen wem. Ihr ist das egal, aber Albert möchte gerne herausfinden, wer “C” ist und hat das Verlangen, etwas für sie zu tun und ihr zu helfen – so wie sie ihm geholfen hat.

Carol dagegen hilft sich auf den letzten Seiten selbst und lässt Bob und Sophie zurück, um nach all den Jahren endlich einmal an sich selbst zu denken. Albert findet tatsächlich ihr Haus, doch dort trifft er nur noch auf Bob, der vor lauter Selbstmitleid schon fast zerflossen ist. Und weil Carol weg ist, schreibt Albert eben Tochter Sophie einen Brief …

(Tierisch) Tolle Charaktere

Tom Winter bietet zwei Möglichkeiten, die neugierig auf einen zweiten Band machen: entweder Sophies und Alberts Briefwechsel, oder er begleitet Mutter Carol weiter und zeigt, wie sich ihr Weg nach der Landung des Flugzeugs fortsetzt. Anfangs dachte ich, Carol ist wieder so eine literarische Figur, die mich im Verlauf des Buches aufgrund ihres “Opferlamm”-Charakters aufregen würde. Doch ganz im Gegenteil: Sie wird auf den knapp 300 Seiten immer stärker und somit sympathischer. Deswegen freute ich mich mit jeder neuen Seite darüber, dass sie ihr Vorhaben immer konkreter durchdachte.

Auch Alberts Charakterentwicklung ist angenehm zu verfolgen – vor allem die Szene, in der er die Blumen des verhassten Nachbarn “umbringt” – und sich dabei bei den Pflanzen entschuldigt. Köstlich! Man meint, einen Schuljungen vor sich zu sehen. Ein Leckerbissen für mich persönlich: In der Nebenrolle Katze Gloria. Wer Katzen kennt, wird viele Verhaltenseigenheiten an seinen eigenen Tieren nachvollziehen können. Sie wissen mehr, als sie mitteilen möchten.

Fazit

Alles in allem ein unterhaltsames Buch, das sicherlich auch dazu geeignet ist, Briefe als Frustbewältigung zu etablieren (ich persönlich bin seit Jahren Anhänger dieser These).  In wie weit Tom Winter auch anderen Menschen, eventuell vor allem Frauen, damit Mut machen kann, ihre eigenen Fesseln zu sprengen und sich aus den vermeintlich unveränderbaren Umständen zu lösen, vermag ich nicht zu beurteilen, Auf jeden Fall vermittelt er eine Botschaft aber ganz klar: Es ist nie zu spät, sich auch mal um sein eigenes Glück zu kümmern.

Stefanie Janke (Academicworld-Userin)

Tom Winter. Unbekannt verzogen.
Suhrkamp. 12,99 Euro

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