Das Leben geht weiter. Es findet nur ohne dich statt.

Das dänische Kriegsdrama A WAR kommt am Donnerstag, dem 14. April, in die Kinos. Der Film handelt vom dänischen Soldaten Claus Pedersen, dessen Afghanistaneinsätze für ihn und seine Familie zur nervlichen Zerreißprobe werden. Florian Deichl von academicworld.net unterhält sich mit dem Bundeswehrsoldaten Philipp Hoffmann, der Erfahrungen in vier Auslandsaufenthalten gesammelt hat. Hauptfeldwebel Hoffmann spricht über Realitäten, die Karriere bei der Bundeswehr und über die Belastungen im Einsatz.

 

 

Eine Szene aus dem Film A WAR: Claus Pedersen beim Einsatzbriefing. Bild: Studiocanal GmbH
Eine Szene aus dem Film A WAR: Claus Pedersen beim Einsatzbriefing. Bild: Studiocanal GmbH

Philipp, wer bist du und was machst du bei der Bundeswehr?
Ich bin Berufssoldat im Rang eines Hauptfeldwebels. Das entspricht in etwa dem Meistergrad eines Handwerkers. Ich bin Presseinformationsmeister, mache also Öffentlichkeitsarbeit. Davor war ich zehn Jahre im Personalmanagement. Stationiert war ich lange beim FlaRak-Stützpunkt (Flugabwehrraketen) in Bad Sülze, wurde dann aber vor einiger Zeit nach Berlin versetzt. Ich bin 39 und war bis jetzt vier Mal auf Auslandseinsatz. Davon drei Mal in Afghanistan. Dort war ich mehrfach außerhalb des Camps – „draußen“ – zu Fuß oder mit dem Fahrzeug. In Gefechte, bewaffnete Auseinandersetzungen oder Anschläge bin ich dabei aber nicht verwickelt worden.

Was hat für dich den Ausschlag gegeben, nach deinem Grundwehrdienst beim Bund zu bleiben?
Die Entscheidung ist vor zwanzig Jahren gefallen. Ich war damals noch im Personalmanagement und hab dabei einen guten Einblick hinter die Kulissen bekommen, wie eine Karriere bei der Bundeswehr aussieht und wie sie gemacht wird. Ich habe dadurch gelernt, wie ich meine Laufbahn so verwirklichen kann, wie ich sie haben möchte. Personalmanagement wird in jeder Kaserne bundesweit gebraucht. Ein „Perser“ – so nennen wir die Personaler – macht auf jeder Ebene dieselbe Arbeit. Das war der Punkt, an dem ich gesagt habe: Mensch, bei der Bundeswehr steht mir ganz Deutschland offen. Da kann ich an jedem Ort arbeiten und muss nicht den Arbeitgeber wechseln. Das fand ich sehr attraktiv.

Wenn Leute sagen ,Ich habe oder will diese räumliche Flexibilität nicht‘, ist der Bund dann das Richtige für sie?
Nein. Viele Soldaten erleben, dass ein Verband oder eine Kaserne geschlossen wird und dann muss der Soldat eben woanders hin. Dann muss man ihm sagen: Du hast einen Job gelernt und der wird an einem bestimmten Ort gebraucht, selbst wenn Du Deine Familie woanders hast. Mobilität wird von einem Soldaten verlangt und Entwicklung geht manchmal nur durch Versetzung. Das ist ein Faktor, der sich durchaus negativ und belastend auf die Berufszufriedenheit auswirken kann. Die Bundeswehr versucht zwar, einen Soldaten dort zu stationieren, wo sein Lebensmittelpunkt ist, aber es ist kein Geheimnis, dass sich das nicht immer realisieren lässt. Das ist auch eine Kostenfrage. Jemand der teuer ausgebildet wurde, ist auch örtlich gebunden. Aber seien wir mal ehrlich: Welcher zivile Arbeitgeber finanziert Dir den Umzug oder zahlt Dir auch noch Trennungsgeld. Wenn der Soldat das nicht in Anspruch nehmen will, dann soll er sich auch nicht beklagen.

Aber dir liegt das?
Genau! Für mich und meine Familie ist Berlin unser Zuhause und in den nächsten fünfzehn oder zwanzig Jahren, also bis zu meiner Pension, werde ich hier nicht weg müssen.

Du wirst mit Mitte Fünfzig pensioniert? 
Ja, mit 55 oder 56. Ein Feldwebel geht nicht erst mit 65 oder 67 in Pension. Die Rentenaussicht ist dann auch nicht schlecht. Ich kenne alte Schlachtrösser, die hätten sogar gern länger gemacht. Die können danach aber noch Wehrübungen als Reservist machen. Im Spaß sagen wir dann immer, ab nun müsse der Pensionierte überlegen, was er täglich anzieht.

Würdest du sagen, dass der Bund zugänglicher und durchsichtiger, vielleicht sogar fairer ist als der freie Markt?
Auf dem freien Markt ist es auf jeden Fall härter für einen Arbeitnehmer.

Du hast mir von deinen vier Auslandsaufenthalten erzählt. Das sind sicher lebensungewöhnliche Situationen. Wann waren diese Einsätze, wo warst du und was hast du dabei gemacht?
In Afghanistan war ich über Weihnachten und Silvester 2011 auf 2012, von März bis August 2015 und von Dezember 2015 bis Februar 2016. Außerdem war ich 2003 einmal in Bosnien. Auf Einsätzen außerhalb des Camps war ich zu Fuß, per Kfz und im Hubschrauber. Das waren mitunter Fußpatrouillen in einem Armenviertel von Masar-e Scharif. Wir haben da als Infanteriegruppe nach dem Rechten gesehen, Präsenz gezeigt, Gesprächsaufklärung gemacht. Regelmäßige Patrouillen gehen mit einem Überwachungsauftrag durch das Viertel. Ich bin drei Mal dabei gewesen, weil ich Journalisten begleitet und betreut habe. Mit dem Fahrzeug war ich in Kabul und Mazar-e Sharif.

Du warst währenddessen bewaffnet?
Ja, natürlich. Jeder Soldat hat bei einem solchen Auftrag, der nicht primär auf Kampf ausgerichtet ist, die normale befohlene Bewaffnung bei sich. Explizit ist das, was man am Mann trägt, das G36, die Pistole P8, die 14 Kilo schwere Schutzweste und der Schutzhelm. Außerdem die Splitterschutzbrille, die zugleich eine Sonnenbrille ist und Gepäck mit einer befohlenen Menge zu trinken und zu essen.

Wie fühlt man sich auf so einem Einsatz?
Das erste Mal als ich raus bin, kam ich mir wie ein Alien vor. Die Menschen haben dort ihren Alltag und dann kommen wir: Wir sehen ganz anders aus und haben unsere Bewaffnung dabei. Durch die Ausrüstung sehen wir sehr groß und dick und kraftvoll aus, wir bewegen uns anders, wir beobachten alles ganz genau, sprechen in einer Sprache, die der normale Afghane nicht versteht. Die Einwohner  sind aber durchaus an uns gewöhnt und gehen manchmal routinierter mit unserer Gegenwart um als wir selber. Wenn die zum Beispiel mit dem Motorrad an uns heranfahren, halten die von selbst an, machen den Motor aus und lassen das Fahrzeug kurz von einem Soldaten kontrollieren. Die afghanischen Bürger winken uns zu und sagen „Thank you ISAF“ (International Security and Assistance Force), obwohl wir gar nicht mehr so heißen, sondern seit 2014 Resolute Support.

Also werdet ihr sehr positiv wahrgenommen?
Ja, natürlich. Die Deutschen sind vor 15 Jahren gebeten worden, nach Afghanistan zu kommen. Die Afghanen haben ja auch Angst vor den Taliban und durch den deutschen Einsatz konnte die Terrorherrschaft der Taliban in Afghanistan beendet werden. Wir sind außerdem ein Wirtschaftsfaktor. Durch die Anwesenheit der Bundeswehr werden dort Arbeitsplätze geschaffen, wenn etwa Schulen gebaut oder Brunnen gebohrt werden. Und man kann genau am Verhalten des Gegners erkennen, dass das, was man tut, Wirkung zeigt: Die Taliban haben in Kundus ganz gezielt die Einrichtungen zerstört, die von uns aufgebaut worden sind, Mädchenschulen und Frauenhäuser. Daran, dass die Taliban aggressiv auf unsere Bemühungen reagieren, lässt sich ablesen, dass die Bundeswehr etwas Gutes für die afghanischen Bürger tut.

Bist du bei deinen Auslandseinsätzen auch mal in gefährliche Situationen gekommen, in denen du vielleicht sogar einmal Angst hattest?
So eine Situation gab es: Kurz vor Beginn des Ramadan schlug im Camp Marmal, in dem ich stationiert war, eine Rakete ein. Da wurde vielen von uns klar, dass wir auch im Camp nicht zu hundert Prozent sicher sind und dass der Feind, wenn er will, uns mit noch mehr Raketen eindecken kann. Das Geschoss ist auf dem Flugfeld eingeschlagen, auf einer Betonplatte, wo es nicht viel kaputtmachen konnte. Wäre sie aber hundert oder zweihundert Meter weitergeflogen, dann hätte die Rakete Betreuungseinrichtungen getroffen, wo dann auch Menschen zu Schaden gekommen wären. Das war am Freitagmorgen um kurz nach acht, zu einer Zeit, da die Soldaten nicht im Dienst sind. Wir nennen das ,low ops’, wenn die Operationen ein bisschen langsamer laufen. Das ist immer Freitag- und Sonntagmorgen. Die Zeit können die Soldaten nutzen, um ein bisschen auszuschlafen oder Sport zu machen. Ich lag im Bett, als ich den Knall gehört habe und als dann die Sirenen losgegangen sind, habe ich gemerkt, dass das keine kontrollierte Sprengung ist.

Was ist der erste Gedanke, wenn man von einer Explosion und Sirenen geweckt wird?
Mein erster Gedanke war ,Scheiße!’. Aber man weiß dann, was man zu tun hat: Ich war in einem Unterkunfts-Shelter und als Sheltermarschall dafür zuständig, dass alles in Ordnung geht, alle die Ausrüstung anlegen, die Türen zu sind, dass die Soldaten im Umkreis meiner Zuflucht Schutz suchen. In dem Moment geht einem durch den Kopf, dass das zwar nur ein Ding war, das in das Camp geflogen ist, egal ob Rakete oder Mörsergranate, dass da aber auch noch mehr kommen kann. Motorisierte Infanterie ist dann ausgerückt, um einen möglichen Feind aufzuspüren und zu vertreiben. Verletzte gab es keine.

Und kannst du uns andersherum einen sehr positiven oder schönen Eindruck schildern?
Das wäre die Zusammenarbeit mit den afghanischen Presseleuten. Die meisten von denen sind deutlich unter dreißig und man sieht ihnen an, wie gerne sie ihren Job machen und dass ihnen bewusst ist, dass die afghanische Presse eine wichtige politische Rolle spielt. Sie stellt eine vierte Gewalt dar und schaut der Politik ziemlich genau auf die Finger. Man kann sagen, die Bundeswehr hat wirklich etwas erreicht, wenn man sieht, mit welchem Berufseifer die Presse vorgeht. Das gab es unter den Taliban nicht. Die Presseleute wurden mundtot gemacht oder aus dem Land gejagt. Andererseits wissen die Journalisten genau, dass sie die ersten sind, die ein Problem bekommen, wenn die Taliban wieder an die Macht kommen. Sie haben also auch Angst.

Da ist außerdem die Mentalität der afghanischen Schulkinder: In Deutschland gehen die Kinder nicht gern in die Schule. Das sieht man ja hier in Neukölln. Die Kinder haben keinen Bock und denken sich „ich bekomm eh mal Hartz IV“. In Afghanistan gehen die Kinder gern zur Schule. Die sehen das als Privileg und man merkt, selbst wenn man die Sprache nicht versteht, mit welcher Freude die zu fünfzigst oder sechzigst im Klassenzimmer sitzen. Dort ist die Schule ein Sprungbrett in ein besseres Leben und dieses Bewusstsein haben die Schüler in Deutschland aus den Augen verloren.

Magst du das Land Afghanistan?
Ich bin nur im Norden und in Kabul gewesen. Kabul ist einfach nur ein Drecksmoloch. Dort herrscht so ein Smog, dass dir, wenn du morgens aufwachst, die Nase blutet und die Augen brennen. Eine Dunstglocke hängt über der Stadt, die man schon von Weitem sehen kann. Der Rest des Landes ist aber eine atemberaubende, wilde Wüstenlandschaft mit unzugänglichen Bergen und abgeschiedenen Dörfern. Es heißt ja, das Leben wäre dort wie im Mittelalter und das ist auch wirklich so. Das Land dort ist schön, aber das Leben ist hart. Die Menschen sind aber eigentlich immer fröhlich und freundlich.

Und hast du dich im Camp wohlgefühlt?
Man führt dort ein depriviertes Leben, sitzt dort, funktioniert und arbeitet. Nichts ist privat. Das Leben geht weiter, es findet nur ohne einen statt. Die Kinder gehen daheim zur Schule, die Frau muss sich mit alltäglichen Dingen rumärgern und man selbst möchte daran teilhaben, kann aber nicht. Ich kann nicht sagen, dass man sich da wohl fühlt. Das Essen ist in Ordnung, ich muss mich nicht um die Wäsche kümmern und ich kann mir ein paar Sachen im Marketenderladen kaufen. Das sind die Möglichkeiten, die man hat, aber ich möchte das nicht „Leben“ nennen. Das ist eben kein Leben.

Möchtest du das mal wieder machen? Oder besser gesagt, wenn es hieße, du müsstest bald wieder nach Afghanistan, was würdest du dann denken?
Ich bin in kurzer Zeit zweimal im Einsatz gewesen. Im Einsatzführungskommando zum Debriefing habe ich gesagt: „Lasst mich mal für eine Zeit in Ruhe“. Es gibt eine zweijährige Schonfrist, aber Auslandsaufenthalte gehören zu diesem Beruf dazu. Wenn beim Pressefachpersonal jemand ausfällt, tritt man an mich heran und fragt: „Hoffmann, könntest du mal“. Wenn es keinen anderen gibt, der komplett ausgerüstet, durchgeimpft und ausgebildet am nächsten Morgen los kann, dann muss ich das übernehmen. Das gehört zum Job.

Wie sieht es dabei mit der Belastung aus? Man hört Geschichten von extremem Stress.
Es gibt keine Messlatte oder Skala, mit der man bestimmen kann, wovon jemand total belastet wird und wovon nicht. Ein Soldat geht in eine Situation und kommt damit klar, ein anderer nicht. Nimm mal einen Nachschieber – einen Nachschubsoldaten -, der nie in Gefechte verwickelt ist und auch nicht aus dem Camp rauskommt. Wenn daheim seine Familie zerbricht, während er im Einsatz ist, dann ist er vielleicht belasteter als ein Soldat, der tatsächlich Feindkontakt hat. Ganz gleich ob man in Mali, in der Türkei, im Irak oder als Marinesoldat im Mittelmeer stationiert ist, die Belastung, die alle Einsätze gemeinsam haben, ist die, dass man nicht zuhause ist. Die Kommunikation mit daheim ist eingeschränkt und spätestens in dem Moment, in dem der 23-jährige junge Soldat von seiner Freundin gesagt bekommt ,Du, ich hab da jemanden kennengelernt’ oder die Frau eines 50-jährigen Oberstleutnants ihm sagt ,Ich komm hiermit nicht mehr klar’, dann erzeugt das extremen Stress, der auch gar nichts mit Kampf, Gefecht, Verwundung oder Tod zu tun hat, sondern damit, dass man nicht zuhause ist. Ich habe da Glück, dass ich keine Kinder habe, aber ich beobachte das bei meinen Kameraden: Wenn die Tochter daheim gerade laufen lernt und der Kamerad auf einen Einsatz muss, dann geht er da anders rein.

Hast du deine Entscheidung jemals bereut?
Absolut nicht. Das war die vollkommen richtige Entscheidung. Da steh ich bis heute dazu.

Vielen Dank, Philipp, für deine Offenheit. 

www.bundeswehrkarriere.de  – Zum Thema Studium bei der Bundeswehr, Berufsaussichten und Versorgung von Soldaten.

 

www.einsatz.bundeswehr.de – Zum Thema Einsätze der Bundeswehr und Geschichten von Hauptfeldwebel Philipp Hoffmann.


Kommandant Claus Pedersen (Pilou Asbæk) und seine dänische Einheit sind fern der Heimat in der afghanischen Provinz stationiert. Als die Kompanie ins Kreuzfeuer der Taliban gerät, fordert Pedersen Luftverstärkung an, um das Leben seiner Männer zu retten. Doch zurück in der Heimat muss sich der dreifache Familienvater vor Gericht verantworten, weil bei dem Einsatz unschuldige Zivilisten getötet wurden. Ein zermürbender Prozess beginnt, der ihn auch immer mehr in ein moralisches Dilemma bringt.

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