Bröckelnder Unternehmensthron

In dieser Situation befand sich Bodo Janssen, kurz nachdem er die Familieneigene Hotelkette übernommen hatte. Es gab eine ausgewachsene Krise mit den Mitarbeitern – in DIE STILLE REVOLUTION beschreibt er, wie die Angestellten und er gemeinsam einen Weg aus der Krise fanden.

Wie führt man erfolgreich ein Business? Keine einfach zu beantwortende Frage, wie die zahlreichen Management-Theorien an den Hochschulen zeigen. Eine solche Theorie in die Praxis umzusetzen ist dabei eine Herausforderung, die genauso schwer zu bewältigen ist. Insbesondere, wenn es sich um ein Unternehmen handelt, das nicht nur einen Standort hat: Sondern mit Hotels auf der ganzen Welt aktiv ist. Denn im Prinzip ist jedes Hotel ein einzelner Standort und ein einzigartiges Biotop aus Angestellten, Gästen, Atmosphäre …

Wenn dann dieses Hotellerie-Unternehmen noch ein Familienbetrieb ist, spürt der Nachfolger auf dem Chefsessel oft einen noch viel größeren Druck als regulär angestellte Führungskräfte. Bodo Janssen ist ein Beispiel dafür: Von seinem Vater übernimmt er die Hotelkette Upstalsboom. In den nächsten Monaten stimmt die Bilanz und wirtschaftlich läuft es. Nur die Mitarbeiter laufen in Scharen weg, die Unzufriedenheit ist in jeder Ecke zu spüren – und bald wird sich das auch auf den Umsatz auswirken. Anstatt den Karren vollends an die Wand zu fahren, holt er sich Hilfe von Außen. Der werte Herr Gaukler ist Experte für Situationen wie diese und stellt Bodo Janssen erst einmal vor den Spiegel.

Es hat etwas vom reuigen Sünder, wenn jemand, der in der unternehmerischen Chefetage sitzt, den Kopf hängen lässt und sagt: „Ich hab’s verkackt.“ Das kann ehrlich sein. Entwaffnend gegenüber Kritikern, vor allem aus den eigenen Reihen. Es kann aber auch schief gehen, wenn aus der reuige Sünder einen Gang nach Canossa inszeniert. Teilweise ist das genau der Eindruck, den man bei Bodo Janssen erhält: Wenn beispielsweise der Aufenthalt in einem Kloster angesprochen wird, wo bitte dunkle Kleidung zu tragen sei. Solche Aussagen empfindet er als „mystisch“. Wer von den Lesern nicht in einer Unternehmerfamilie aufgewachsen ist oder einfach schon selbst Führungserfahrung gesammelt hat, wird sich über so manche Weltanschauung wundern – denn dass sich nicht jede BWL-Theorie auf die Realität übertragen lässt, ist eigentlich klar. Doch Herr Janssen scheint in seinem ehemaligen (!) Elfenbeinturm etwas den Kontakt zu der Realität der Mitarbeiter verloren zu haben und geht so im Prinzip auf eine Reise in die Wirklichkeit abseits der Management-Riege. Das gibt er auch ganz offen zu, ein wenig schmunzeln muss man bisweilen aber schon. Als wäre seine Realität eine Parallelwelt zu der unseren …

Über diese Passagen muss man bewusst hinweglesen. Warum? Weil es sich dennoch lohnt. Mitten in den Kapiteln stecken ganz konkrete Situationen, in denen nicht nur über Theorie geredet wird und auch keine Gedankenspiele dominieren: Gefühlt echte Situationen, in denen beschrieben wird, wie mit einem Problem umgegangen wurde und was zur Lösung beigetragen hat. Diese Fälle sind es, die das Buch trotz allem lesenswert machen. Daraus kann man sich als Leser echten Nutzen ziehen. Die Message ist eine, die die Generation Y ihren Chefs vermutlich tagtäglich vor Augen halten möchte: Jeder Mitarbeiter ist ein Mensch, der gerne motiviert arbeiten würde und unter entsprechender Anleitung und einem etablierten System, das auf Menschlichkeit basiert, geben viele Menschen gerne ihr bestes – ohne Strafmechanismen.

Fazit: Lesenswert, man braucht etwas Geduld und darf sich durch die mystischen Anwandlungen nicht abschrecken lassen.

Bettina Riedel (academicworld.net)

Bodo Janssen. Die stille Revolution.
Ariston Verlag. 19,99 Euro.

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