Boo!

Auch Monster haben ein Recht auf Entspannung. Im „Hotel Transsilvanien“, ab 25.10. im Kino, finden sie alles für das unbeschwerte Ferienglück. Menschen hingegen werden sich dort nicht so wohlfühlen, es sei denn, sie ziehen übersprudelndes Getue einem echten Märchen vor.

© Sony Pictures

Check-In

Wer heutzutage reiseunlustig ist, muß um seine gesellschaftliche Position bangen. Er hat weder ein Diskussionsthema (der letzte Urlaub), ein Jahreshighlight (der anstehende Urlaub) noch einen Lebenssinn (die Suche nach dem nächsten Reiseziel) vorzuweisen. Selbst Monster wollen nicht als stubenhockende Spielverderber dastehen und treffen sich deshalb unter exquisiten 5-Sterne-Bedingungen im osteuropäischen ’Hotel Transsilvanien’.

Zahlreiche Hexen-Zimmermädchen und Zombie-Butler kümmern sich um den Service, der Koch Quasimodo um die Feinschmeckerküche, eine Mariachi-Band aus musikalischen Skeletten sorgt für Stimmung, während Hoteldirektor Dracula seinen Gästen jeden zusätzlichen Wunsch von den Augen oder gegebenenfalls Augenhöhlen abzulesen versucht.
Das Schönste jedoch in diesem Freizeitparadies für supranaturale Kreaturen: Es ist absolut menschenfrei!

War es zumindest bis zum 118. Geburtstag von Mavis. Für seine einzige und heißgeliebte Tochter will der verwitwete, von einem überentwickelten Beschützerinstinkt getriebene Dracula eine unvergeßliche Party ausrichten, zu der er sämtliche Stammgäste eingeladen hat. Doch gerade jetzt wird das von der Außenwelt bislang streng abgeschirmte Schloßresort von dem jungen Backpacker Jonathan infiltriert – einem Menschen (!) und damit ihrem schlimmsten Feind, wie die Monster glauben. Nichtsdestotrotz verliebt sich Mavis, ein Teenie ohne Erfahrung mit Humanoiden, Hals über Kopf in den gutherzigen, völlig ahnungslosen Jonathan. Und hin ist die Idylle unter den ferienfreudigen Hotelbewohnern.


Short Stay

Keine Frage, Genndy Tartakovskys Regiedebüt klingt nach einer netten, kecken Idee. Das herrliche Setdesign in milder Pop-Gothic-Art, beispielsweise Betten in Sargoptik oder Babyschnuller aus Knochen, weiß zu begeistern, ebenfalls der hübsche visuelle Witz, etwa mürrische Schrumpfköpfe als Türhänger, Ritterrüstungen als eine Art Hausdetektiv oder Glibberwesen als Sprungtuchersatz.

Bedauerlicherweise wird dieser übermütige Humor alsbald durch eine banale, klischeelastige Coming-Of-Age-Story ausgebremst, die so alt wie die Welt ist. Und in etwa so frisch. Dagegen hilft auch keine atemlos von Gag zu Gag eilende Inszenierung, die vor Anbiederungen an den (vermeintlichen) Massengeschmack der jugendlichen Zuschauer nicht zurückschreckt. Doch ach, Monster im Hip-Hop-Taumel sind einfach total uncool. Selbst wenn sie graphisch recht originell stilisiert sind.

Diese zwanghaften Modernismen lassen fast vergessen, daß Monster auf eine lange Kulturgeschichte mit glorreicher Vergangenheit zurückblicken können. Mythisch überhöht standen sie einst für die dunkle Seite der menschlichen Existenz bzw. Erfahrung, für das Mißgestaltete und Abartige. Sie verbreiteten Furcht, weil sie Charakter zeigten. Allerdings hat das Medienzeitalter solche Schreckensgestalten klein gekriegt… und insofern ein Stück der wild wuchernden Phantasie der Menschen.

Brachte das frühe Kino noch legendäre Monster hervor, wird ihnen gegenwärtig auf der Leinwand recht wenig Respekt gezollt. Sie werden in Splatterorgien verheizt, zu pubertär-romantischen Narren verklärt oder gleich als Witzfiguren mißbraucht. Wen wunderts, daß die Stars unter ihnen urlaubsreif geworden sind.


Departure Date

Im „Hotel Transsilvanien“ haben sie alle Platz gefunden. Frankenstein und Braut reisen in Einzelteile zerlegt als Paketsendung an, Familie Werwolf samt unerzogener Brut verschafft dem Personal Gelegenheit für Putzorgien, die übergewichtige Mumie sandet vor sich hin, der Unsichtbare erfährt endlich einmal Aufmerksamkeit, und dazwischen tappen Gremlins, Yetis, Hydras, Lindwürmer sowie viele weitere namenlose Monster herum. Es ist wie Halloween, nur in trendiger 3D-Animation: bunt, quietschfidel, ausgelassen.

Allein der echte Grusel hat sich voller Grausen bereits aus dem Staub gemacht. Stattdessen sind die ohnehin schlicht entwickelten Charaktere nur noch ein Schatten ihrer einstigen Monstertradition. Angelegt als eindimensionale Parodie auf sich selbst, entbehren sie jeglicher grotesken Größe und verbreiten nicht einmal die Ahnung von anarchischem Schauder. Sie sind Frohnaturen am Rande zur Debilität, physisch dehnbar wie Plastik und mit einer ähnlich aufregenden Ausstrahlung.

Damit locken sie vielleicht Kinder ins Kino, werden bei denen jedoch kaum einen nennenswerten Eindruck hinterlassen. Erwachsene wiederum nehmen durch den Filmbesuch zwar keinen Schaden, dürften sich hinterher aber voller Wehmut an Persönlichkeiten wie die Grimmsche Hexe erinnern, an Stokers Dracula oder Tolkiens Drachen Smaug. Die hatten wenigstens alle noch unehrenhafte Absichten.

(von Nathalie Mispagel)

 

Hotel Transsilvanien
Kinostart: 25. Oktober 2012

Im Verleih von Sony Pictures

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