Bis auf den letzten Tropfen

… Blut bekämpfen sich die Menschen in den trockenen Staaten: Nevada, Kalifornien, Mexiko und Texas trifft die Wasserknappheit am Härtesten. Hier ist ein Menschenleben nichts wert, ein Schluck Wasser dagegen unendlich viel – willkommen in einer der wohl realistischsten und schrecklichsten Dystopien in Buchform.

Wasser ist Gold. Wasser ist Leben. Ihr habt gerade keines? Pech gehabt. Es kümmert niemanden. Denn in den Wüstenstaaten der ehemaligen USA gibt es nur das Gesetz der Härteren: Geld kauft Wasser, Waffen beseitigen Konkurrenten. So simpel, so knallhart ist das Leben. Das gilt auch für die Journalistin Lucy Monroe, die nach Phoenix gezogen ist, um den Untergang der Stadt zu dokumentieren. Als Zugezogene glaubt sie, nur eine Beobachterin zu sein, die vollkommen neutral durch das Kriegsgebiet streicht. Ein Irrglaube, wie sie feststellen muss, als sie in die ausgestochenen Augen ihres besten Freundes schaut. Der liegt auf der Straße – ohne Hände, ohne Füße, Misshandlungen überziehen seinen Körper. Wer hat ihn aus welchem Grund so zugerichtet?

Das möchte nicht nur sie, sondern auch Angel wissen. Der Typ arbeitet für Catherine Chase, die quasi Las Vegas regiert – und Phoenix gerne final in den Abgrund stoßen möchte, um das Wasser der Stadt für Las Vegas zu beanspruchen. Dann wäre da noch Maria, die versucht, durch einen kleinen Wasserhandel über die Runden zu kommen. Nur leider macht da die lokale Mafia nicht mit, die sie mit ihren Schutzgeldforderungen so weit bringt, dass sie auf den Strich geht – und dort den Typ trifft, der in das Geschehen rund um Lucy und Angel verwickelt ist …

Die Kritik

Im Prinzip ist die Geschichte ein Thriller, der eine gelungene Mischung aus den alten Sherlock-Filmen und moderner Action ist. Einerseits gibt es viel politisches Geschacher: Wer mit wem, auf welche Seiten man so wechseln könnte und wie die Loyalitäten liegen – und wer sich hier vielleicht sogar verlieben könnte, allen Unkenrufen zum Trotz. Andererseits ist da die absolute Brutalität, wenn ein Menschenleben nichts mehr gilt, Wasser als Lebensquell alle anderen Wertgegenstände ersetzt und eine Bombe mehr Probleme löst als verursacht. Krasse Sache! Und extrem gut beschrieben. Der Leser will da tatsächlich nicht mehr aussteigen und wird so richtig in die Geschichte gesogen. 

Nur das Szenario ist teilweise etwas zu unrealistisch. Wenn Wasser so knapp ist – würde man eine Stadt wie Las Vegas nicht einfach evakuieren, beziehungsweisedie die Leute zwangsumsiedeln? Der Aufwand, diese Stadt weiter am Leben zu halten, muss doch unfassbar riesig sein. Irritierenderweise funktioniert auch die Gesellschaft noch nach den gleichen Regeln wie zuvor – sie basiert immerhin auf einem funktionierenden Rechtssystem. Statt sich wie im Wilden Westen einfach pur zu bekriegen, werden mindestens genauso viele Gefechte vor Gericht ausgeführt. Dorthin gelangt man als Leser nicht, denn als solcher folgt man Angel, Lucy und Maria – zum Glück 😉 Denn deren Lebenswege sind spannender. Natürlich, weil sie in einer Art Parallelgesellschaft leben. Also ganz am Boden. Was übrigens richtig gut war, ist, dass der Autor das Szenario global entwirft. Das merkt man daran, dass man zwischendrin erfährt, dass andere Städte, die zu nah am Wasser gebaut wären (pun intended), nun darin versunken sind. Der Klappentext stimmt leider nicht so richtig. Es geht nicht darum, dass eine neue Wasserquelle gefunden worden sein könnte – darauf wartet man vergebens. Es geht um etwas anderes, das zwecks Spoiler hier nicht verraten werden kann.

Ich empfehle übrigens, dass man beim Lesen immer eine Flasche Wasser neben sich stehen hat. Über das gesamte Buch entwickelt der Leser einen unfassbare Durst! Und hinterher werdet ihr Wasser nie wieder mit den selben Augen betrachten …

Fazit: Sehr gut gelungen, bis auf das Manko beim Gesamtszenario. Das lässt sich bei einigen Schlucken Wasser aber ganz gut verschmerzen 😉 Spannung ist hier definitiv garantiert, genauso wie Gänsehaut.

Bettina Riedel (academicworld.net)

Paolo Bacigalupi. Water – Der Kampf beginnt.
Blessing Verlag. 19,99 Euro.

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