Berliner Tierwelt im Kriegschaos

Berlin, Mitte der 1920er: Franka, Tochter eines Pastoren, kann mit Menschen nichts anfangen – sie liebt Tiere über alles. Doch ihr Traum, Zoologie zu studieren, platzt wegen der Weltwirtschaftskrise – und der Zweite Weltkrieg zieht bereits auf …

Franka ist ein sozialer Sonderling: Ihren Eltern und menschlicher Gesellschaft kann sie sehr wenig abgewinnen. Lieber dreht sich bei ihren Spielen alles rund um Tiere. Es verwundert kaum, dass sie gerne Zoologie studieren würde. Mit ihrem Vater überwirft sie sich für diesen Traum, es ist ihr Onkel, der ihr das Studium finanzieren wird. Doch dann trifft die Wirtschaftskrise auf die Welt und der Traum platzt. Trotzdem beginnt Franka, im Zoo zu arbeiten, während am Horizon braune Wolken aufziehen und eine Sturmflut des Hasses mit sich bringen.

Im Zoo fühlt sich Franka davon einigermaßen geschützt, allerdings ist das nur eine Illusion: Ihre zarte Liebe zu Carl Leutner geht vor die Hunde, weil er sich öffentlich gegen die Nazis stellt und ansonsten seinen Mund nicht aufbringt ihr gegenüber. Ihr Onkel forscht für die Nazis und experimentiert am “lebenden Objekt”. Und dann taucht über ihren Onkel auch noch Adam in ihrem Leben auf – ein Zigeuner, ein Gejagter. Mittendrin steht Franka und weiß nicht, wie sie dieses Irrenhaus mit ihren heißgeliebten Tieren zusammenhalten soll …

Die Kritik

Was definitiv hervorgehoben werden sollte: Es gibt viele Bücher über den zweiten Weltkrieg, aber eines, das ihn aus der Sicht einer Zoomitarbeiterin beschreibt, ist mir noch nie untergekommen. Insofern ist es eine sehr originelle Darstellung.

Allerdings bleibt die Geschichte rund um den Zoo eigenartig distanziert von den Nazis. Vielleicht, weil die eine Person, Kirschla, „nur“ in ein Sammellager gesteckt wird und als sie und ihre Familie in ein echtes Lager transportiert werden, ihr Handlungsstrang endet. Vielleicht, weil Carl Leutner, der sich in der Öffentlichkeit gegen die Nazis stellt, wieder auftaucht und nur sehr dünn zu sein scheint nach Wochen der Gefangenschaft – wäre das realistisch? Oder wäre er nicht eigentlich ganz verschwunden oder so stark gefoltert worden, dass er hätte verschwinden müssen? Was wir von den Nazis wissen, ist so dermaßen brutal – und es wird in diesem Buch nicht so richtig widergespiegelt.
Klar, Adam hat unter zwei klassischen Maßnahmen zu leiden, aber die verbrauchen auf das ganze Buch gesehen sehr wenig Platz in der Geschichte. Mit etwas mehr Stärke und Mut bei der Verarbeitung der Nazi-Historie hätte es ein mega starkes Buch werden können, das den Leser so ganz krass mitzieht und so richtig seine Welt erschüttert. So ist es etwas flacher, aber dennoch eine tolle Geschichte, die super der allgemeinen Unterhaltung dient: Liebe, Verrat, ein bisschen soziale Sonderlinge – man könnte fast Nerds sagen – und über allem ein zerstörerischer Krieg sondersgleichen.

Durch dieses Setting ist es eine Geschichte, die keinen klassischen Höhepunkt hat. Vielmehr geht es darum, dass der Leser mitfiebert, welche Charaktere diesen irrsinnigen Krieg wohl überleben werden – und das tut der Leser! Die Geschichte, die 1923 beginnt, endet deswegen auch erst im Juni 1945.

Was ganz klar ist: Charlotte Roth hat eine echt starke Erzählstimme und findet Charaktere, die sehr einzigartig sind und in einem zerbrechlichen Gleichgewicht zueinander stehen. Wie ein Mobile – und sobald eine Änderung eintritt, wird alles über den Haufen geworfen. Damit fängt sie ihre Leser sehr schnell ein, lässt sie mitleiden, mitfiebern, hoffen und entlässt sie erst mit der allerletzten Seite ihrer Geschichte.

Bettina Riedel (academicworld.net)

Charlotte Roth. Weil sie das Leben liebten.
Knaur. 9,99 Euro.

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