Am Ende ist es Blackthorn-Blut

Nach the Mortal Instruments, The Infernal Devices und kleineren Buchprojekten legt Cassandra Clare mit Lady Midnight einen neuen Serienauftakt aus der Welt der Schattenjäger vor – billiger Abklatsch oder bahnbrechende News?

Emma Carstairs lebt als Vollwaise im Institut Los Angeles unter der Leitung der Familie Blackthorn. Julius Blackthorn ist ihr Parabatei, ihr Kampfgefährte. Mit Romantik hat das wenig am Hut, denn Parabatei dürfen sich keiner romantischen Liebe hingeben. Seit fünf Jahren, also dem Ende des großen Kriegs rund um Jace und Clary aus New York, will ihr der Rat erzählen, dass Sebastian Morgenstern ihre Eltern ermordet hat. Doch sie glaubt nicht daran, denn deren Leichen waren mit seltsamen Schriftzeichen bedeckt. Jetzt tauchen weitere Leichen auf, die ähnlich verunstaltet wurden – und Emma riskiert alles, um den Mörder ihrer Eltern zu finden. Dafür geht sie jedes Risiko ein – erst Recht, als Mark auftaucht.

Er ist einer der Blackthorn-Brüder, stammt mütterlicherseits aber von Feen ab. Die gehören zur verpönten Schattenwelt, die zum Großteil damals auch Sebastian Morgensterns Seite gekämpft haben. Daher hat der Rat ihn nach dem Krieg zur Strafe der Wilden Jagd überlassen. Diese Elfengruppe jagt über den Nachthimmel und beraubt die im Kampf Gefallenen. Da unter den neuen Toten auch verstümmelte Feenwesen sind. wird Mark seiner Familie zeitweise überlassen, um bei den Ermittlungen zu helfen. Eine grausame Entwicklung, denn für Mark verging bei den Feen nicht viel Zeit, wohingehen Julius und seine Geschwister fünf Jahre in der harten Realität verbracht haben. Die Familienverhältnisse sind zum zerreissen gespannt.

Zusammen bilden sie das wohl zerbrechlichste und doch stärkste Band, das es für diese Fälle geben könnte. Rasch kommen sie weiteren Toten auf die Spur und die Fährte bringt sie an die Ley-Linien: Knotenpunkte der Magie, die die Welt wie ein Netz überziehen. Hier ist ein mächtiger Nekromant am Werke …

Die Kritik

Die Inhaltsangabe macht eines schon mal deutlich: Das Buch ist komplex. Auch wenn der Beginn relativ simpel scheint (ermordete Eltern), wird daraus Stück für Stück mehr. Eine zerrissene Familie tritt hervor, die auch Jahre nach Kriegsende mit den Konsequenzen kämpfen muss, um sich nicht vollends aufzulösen. Natürlich gibt esd auch junge Liebe, die so aber vielleicht gar nicht sein darf und es niemals kann. Dafür erwachsen woanders Missverständnisse, die sich in Wohlgefallen auflösen können. Das Buch spiegelt die volle Bandbreite des Lebens wieder: Manchmal zum Quietschen schön, manchmal unfassbar grausam. Nichts weniger erwartet man seit der Trilogie rund um Tessa von Cassandra Clare, die dort schon ‘damals’ ein ordentliches Pfund Lebensweisheiten in ihren Büchern verpackt hat.

Preisfrage: Wie ähnlich ist sich dieses Buch mit den Vorgängern? Natürlich gibt es inhaltliche Parallelen – wir folgen jugendlichen Schattenjägern, die in der gleichen Welt leben wie einst Jace und Clary. Oft genug gibt die Autorin auch Infos zu den beiden, also wie sich deren Geschichte nach Kriegsende weiterentwickelt hat. Für Fans sind das echte Leckerbissen, die man sich nicht entgehen lassen sollte. Für die eigentliche Geschichte rund um Emma und Jules sind sie aber einigermaßen unerheblich. Eine Parallele stört etwas zu sehr: Dass Emma irgendwie zwischen Julius und Mark steht. Denn dass sie für beide etwas übrig haben könnte, merkt man ab dem ersten Wort im jeweiligen Kapitel. Es ist aber nicht so eklatant, dass man genervt das Buch direkt wieder zuklappt, keine Sorge.

Natürlich wäre es kein Buch von Cassandra Clare, wenn sie nicht mal eben die 800-Seiten Marke knacken würde. Außerdem nimmt sie sich die Zeit und beendet das Werk nicht nach der Auflösung, sondern lässt einen richtig starken Cliffhanger kommen. Nicht zuletzt gibt es zwei weitere inhaltliche Knaller, die sie ihren Lesern am Ende auf dem Silvertablett präsentiert. Da ist ordentlich Spannung auf Band 2 vorprogrammiert. Den allterletzten Texteil hätte sie sich aber fast sparen können – denn es gibt einen Sprung nach New York. Dieses Kapitel passt einfach nicht richtig zu Lady Midnight, sowohl inhaltlich als auch von der Schreibart.

Das Fazit: Bei aller Liebe nicht das stärkste Clare-Buch (weil ein wenig zu ausschweifend), aber trotzdem sehr faszinierend und super spannend!

Bettina Riedel (academicworld.net)

Lady Midnight. Band 1. Cassandra Clare.
Goldmann Verlag. 19,99 Euro.

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