Moralisches Missverständnis: Wir müssen alle gleich behandeln

Wenn ein Unternehmen einen Betriebskindergarten einrichtet, ist das sozial.
Sollte man meinen. Denn schließlich ist das eine große Hilfe für alle Eltern, die in dem Betrieb beschäftigt sind. Zugleich werden mit einer solchen Einrichtung aber auch Privilegien für einen Teil der Belegschaft geschaffen, während der Rest leer ausgeht. Ist das so gesehen immer noch
sozial?

von Ulf D. Posé, dem Experten für Unternehmens- und Vertriebskultur auf www.academicworld.net

Wenn man Menschen gleich behandeln will, muss man sie ungleich behandeln

Müsste es nicht einen Ausgleich für alle Nichteltern geben, die von der Sozialleistung ihres Arbeitgebers nicht profitieren? Kann etwas sozial sein, was dem Grundsatz der Gleichbehandlung offensichtlich widerspricht?

Ja, es kann. Es muss sogar. In unserer Gesellschaft erleben wir derzeit eine Tendenz zur Gleichmacherei, die sich hinter dem Wort sozial versteckt: Alle Menschen müssten gleich behandelt werden, nur so sei ein ethisches und gerechtes Miteinander zu gewährleisten. Doch das Gegenteil ist der Fall. Wenn man alle Menschen gleich behandelt, wird man niemandem mehr gerecht. Gleichmacherei ist unmenschlich, weil Menschen nicht gleich sind. Wir haben unterschiedliche Talente, Wünsche, Bedürfnisse, Neigungen, die uns als Person einmalig und einzigartig machen. Diese Einmaligkeit und Einzigartigkeit gilt es zu berücksichtigen, wenn wir einen Menschen ethisch einwandfrei behandeln wollen. Wer alle Menschen gleich behandelt, nimmt ihnen jegliche Individualität.

Die Idee, dass Menschen immer gleicher werden, hatte als Erster wahrscheinlich der Jesuit Pierre Teilhard de Chardin. Er beschrieb eine fortlaufende Entwicklung, die zunächst aus chemischen, dann aus biologischen und irgendwann aus sozialen Prozessen besteht. Diese sozialen Prozesse schließlich würden die Menschen auf den Weg zu etwas Überindividuellem führen. 

Die ganze Menschheit könnte nach Teilhard de Chardin irgendwann ein einziges großes Lebewesen sein, bestehend aus vielen gleichen Teilen. Der Vergleich mit einem Termitenhaufen drängt sich auf. Ich hoffe im Sinne einer menschenwürdigen Ethik, dass es nie dazu kommen wird. Ich hoffe, dass der einzelne Mensch auch weiterhin etwas gilt.

Deswegen darf Gleichbehandlung nicht sein. Es ist ethisch erlaubt, ja sogar erforderlich, dass wir Menschen individuell behandeln. Dass wir bereit sind, zu berücksichtigen, dass Menschen unterschiedliche Voraussetzungen mitbringen. Dass wir das Person-Sein in den Mittelpunkt unseres Miteinanders stellen, nicht das Soziale, das immer häufiger als Gleichheit ausgelegt wird. Die Überbetonung des Sozialen beruht ohnehin auf einem Missverständnis. Wir überschätzen seine Bedeutung für unser Person-Sein. Doch es sind sechs Einflussgrößen, die den Menschen ausmachen: Jeder Mensch ist zunächst ein Individuum, mit einem Mix an Bedürfnissen und Eigenschaften, die mit keinem anderen Menschen identisch sind. Zweitens sind wir soziale Lebewesen. Das heißt aber nicht, dass wir gleich sind, sondern dass wir abhängig sind voneinander. Wir wären ganz sicher gestorben, wenn sich nach unserer Geburt nicht jemand um uns gekümmert hätte.

Wir leben drittens in einer besonderen Welthaftigkeit, einem Umfeld, in dem wir groß geworden sind oder aktuell leben. Die Welt eines Metzgers ist eine andere als die Welt eines Rechtsanwaltes. Wir haben als vierten Faktor die Grenzhaftigkeit. Das heißt, wir leben in gewissen Schranken – schicksalhaften, wie dass Männer keine Kinder bekommen können, oder selbst gewählten, wie wenn jemand heiratet und damit ebenfalls eine Grenze gezogen hat. Als fünften Faktor gibt es die Geschichtlichkeit. Jeder Mensch hat eine sehr persönliche Geschichte, die sich ändern kann, selbst wenn die historiografischen Daten dieselben bleiben.

Und als letzten Faktor gibt es noch die Transzendentalität, also die Vorstellung, dass etwas größer ist als man selbst. Diese sechs Elemente machen uns als Menschen aus. Und gerade weil es so ist, sollten wir wieder mehr das Individuelle, die Ungleichheit berücksichtigen.

Alles andere wäre unmenschlich.

Share.