Die Hysterie mancher Ethik-Regeln

Spätestens seit der Enron-Affäre sind Redlichkeit und Ethik ein weltumspannendes Thema in der Wirtschaft. Enron wurden damals nicht nur betrügerische Bilanzmanipulationen vorgeworfen, das Management hatte sich auch noch während der Insolvenz persönlich bereichert.

Sinn und Unsinn  von Richtlinien für das Verhalten im Geschäftsleben

Im November 2003 verpflichtete die amerikanische Börsenaufsicht SEC (security an exchange commission) daraufhin alle börsennotierten Unternehmen einen „code of business conduct an ethics“ zu implementieren. In diesem code of conduct sind Interessenskonflikte, lauteres Geschäftsgebaren, Verpflichtung von Mitarbeitern auf Einhaltung solcher Regeln etc. enthalten. Diese ethischen Standards sind in  den USA rechtsverbindlich. Die Rechtverbindlichkeit führt dazu, dass versucht wird, jeden möglichen Fall von nicht redlichem oder nicht ethischem                                                                                                                                            Verhalten zu erfassen.

So tauchen  dann anzügliche Blicke, Verhalten, das möglicherweise irgendwie anzüglich gedeutet werden kann und ähnlicher Unsinn darin auf. Mitarbeiter werden aufgefordert, jede Form von tatsächlich stattgefundenem oder auch vermutetem Fehlverhalten anzuzeigen, notfalls anonym. Das riecht stark nach Gesinnungsschnüffelei. Der Fall Wal Mart vor zwei Jahren zeigt, dass sich das amerikanische Verständnis von redlich korrektem Verhalten recht ordentlich vom europäischen oder deutschen Verständnis unterscheidet.  Wal Mart hatte seinen amerikanischen „code of ethics“  eins zu eins auf die Bundesrepublik übertragen. Ver.di wehrte sich, da einige dieser Regeln zustimmungspflichtig sind. Vor dem Arbeitsgericht und Landesarbeitsgericht in Wuppertal kam es zu einem Beschluss, der einige der Ethik-Reglen von Wal Mart als grundgesetzwidrig brandmarkte. Es würden Persönlichkeitsrechte verletzt.

Der Ethikverband der Deutschen Wirtschaft e.V. kommentierte in einer Pressemitteilung vom 14. November 2005: „Der Beschluss, nach dem manche Ethik-Richtlinien gegen unser Grundgesetz verstoßen, stellt für den EVW sicher, dass eine Gesinnungsethik in Unternehmen nichts verloren hat. Wer anzügliche Blicke oder sexuell deutbare Kommunikation als ethisch verwerflich brandmarken will, verkennt, dass jeder Blick und jede Art von Kommunikation extrem unterschiedlich interpretiert werden kann.  Gesinnungsethik hat den erheblichen Nachteil, dass die Gesinnung eines Menschen nur ihm selbst bekannt sein kann.“ Der Ethikverband bemängelte bei diesen Ethik-Regeln vier Punkte: „

1. Je konkreter die Regeln, desto unsinniger sind sie.

Den Erfindern des jeweiligen „code of ethics“ scheint der Unterschied zwischen materialen und formalen Regeln nicht klar. Materiale Normen regeln immer den konkreten Fall mit einer konkreten Handlungsanweisung; formale Normen geben eine generelle Orientierung vor, die im konkreten Fall material ausgestaltet werden muss. Formale Normen haben den Vorteil, dass von den Handelnden eine hohe Verantwortung für die konkrete Ausführung abverlangt wird, während materiale Normen dazu verführen, sich hinter der Einhaltung der Norm zu verstecken, falls der Erfolg ausbleibt.

2. Ethik darf nicht missbraucht werden.

Die bisher bekannten Benimmregeln des „code of conduct“ oder Integrity code“ oder „Business Conduct Guideline“  werden von verschiedenen Unternehmen missbräuchlich als „Ethik-Kodex“ bezeichnet. Bei genauerer Untersuchung solcher Benimmregeln stellt sich heraus, dass fast willkürlich informelle Unternehmenskultur („Wie macht man das bei uns?“) zur Ethik hochstilisiert wird. Hier besteht zu befürchten, dass Mitarbeiter in ihrem Verhalten so stark normiert werden, dass für Persönlichkeit kein Platz mehr bleibt. Die Gefahr der ethischen Gleichmacherei besteht.

3. Denunziantentum wird unterstützt.

In manchen Ethik-Richtlinien werden Mitarbeiter angeregt, ihre Vorgesetzten, Kollegen  und Mitarbeiter zu bespitzeln. Besonders schlimm ist es, sogar anzügliche Blicke anzuzeigen. Der EVW begrüßt ausdrücklich an dieser Stelle den Beschluss des Landesarbeitsgerichtes. Wer entscheidet, ob ein Blick anzüglich war oder nicht? Es steht Behauptung gegen Behauptung. Der Angeklagte kann in solch einem Fall kaum nachweisen, dass er sich ethisch korrekt verhalten hat. Für den EVW  besteht die Gefahr, dass missliebige Mitarbeiter unter dem Deckmantel des ethisch-korrekten Verhaltens dem Mobbing preisgegeben werden.

4. Die Menge der Regeln ist nahezu unendlich, beliebig und auf deutsche Verhältnisse nicht übertragbar.

Bei Entwicklung von materialen Regeln ist es nahezu unmöglich, sämtliche Fälle ethisch korrekten, bzw. unkorrekten Verhalten zu ermitteln. Amerikanische Vorstellungen von sozial-verträglichem Miteinander sind andere als europäische oder deutsche. Diese eins zu eins auf unsere Verhältnisse zu übertragen führt zu einer sozial-unverträglichen Umgangsform. Ethische Regeln müssen entweder kulturübergreifend sein (was amerikanische Ethik-Kodex-Vorstellungen nicht sind) oder kulturspezifisch sein (also aus der jeweiligen Kultur heraus selbst entwickelt werden.). Damit sind sie nicht übertragbar.“

Wie aber kann es zu solchen Regeln kommen, die für uns nach Gesinnungsethik riechen? Dazu muss man das amerikanische Informationsverhalten verstehen. Die Rechtsprechung in den Vereinigten Staaten beruht auf dem „case law“, einem aus dem 12. Jahrhundert stammenden Verständnis, nach dem ein „Urteil nach Überzeugung“ gefällt werden soll. Gleichzeitig gibt es in den Vereinigten Staaten die „class actions“, die Sammelklagen, die dem Einzelnen mehr Macht bei einer Prozessführung verschaffen. Zusätzlich gibt es den „Freedom of information act“, der es jedem amerikanischen Bürger erlaubt, jede Information zu verlangen, die er gerne hätte. So ist es möglich, einen Politiker aufzufordern, seine Tankquittung vom 13. 2. 1964 einem x-beliebigen Bürger vorzulegen, wenn dieser es denn so möchte.

Diese Informationsfreiheit war es, die in den USA zu immer präziseren Regeln für den Benimm einer öffentlichen Person führte. Es ging dabei nicht nur um die Vermeidung von Interessenkonflikten, sondern vor allem auch um die Vermeidung des Anscheins von Interessenskonflikten. Damit landete die amerikanische Business-Ethik bei der Gesinnung.   

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