Die Gutmenschenfalle

Die Siegerstrategie stammte von Anatol Rappaport, Professor für Psychologie und Mathematik an der University of Toronto, und war so einfach wie ihr Name: „Tit for tat“. Wir würden dies wohl übersetzen mit „Wie du mir, so ich dir“. Tit for tat setzte sich selbst gegen ausgeklügelte statistische Verfahren und Strategien durch, die trickreich versuchten, die anderen zu übertölpeln.

Was aber ist Tit for tat?

Tit for tat zeichnet sich dadurch aus, dass bei jeder ersten Begegnung zunächst einmal kooperiert wird. Danach richtet sich das Verhalten an der Art und Weise aus, wie der andere sich benimmt. Tit for tat kopiert in allen weiteren Runden das Verhalten des Gegners in der vorhergehenden Runde. Überrascht vom Erfolg dieser simplen Strategie veranstaltete Axelrod ein zweites, größeres Turnier. Der Sieger war wieder Tit for tat. Das bedeutet: Das Miteinander ist dann besonders erfolgreich, wenn Menschen anderen Menschen zunächst freundlich begegnen. Wer gleich von Beginn an versucht, andere auszunehmen, mag vielleicht im Einzelfall damit Erfolg haben, dauerhaft jedoch kaum. Gleichzeitig lehrt uns dieses Beispiel: Wer erfolgreich mit anderen Menschen zusammen leben möchte, sollte in der Lage sein, nicht kooperatives Verhalten zu bestrafen und nicht einfach hinzunehmen. Das und die Bereitschaft, anderen bei eingesehenen Fehlern eine zweite oder dritte Chance zu geben, schützen einerseits davor, von anderen ausgenommen zu werden und andererseits versetzt es uns in die Lage, mit anderen Menschen trotz mancher Fehlschläge wieder zusammen zu arbeiten. Zudem stellte Axelrod fest, dass erfolgreiches Zusammenleben neidfrei sein muss.

Wer aus Neidgründen versucht, den eigenen Vorteil zu maximieren, wird auf Dauer verlieren.

Das erfolgreiche soziale Miteinander des Tit for tat beruht letztlich auf insgesamt drei Regeln.

Die erste Regel besagt: „Beginne immer kooperativ“.

Das heißt: Wenn ich jemanden kennenlerne, dann biete ich ihm Hilfe und Unterstützung an. Ich warte nicht darauf, dass erst einmal der andere seine Kooperation anbietet. Sondern ich lege sofort los. Es macht also Sinn, den neuen Nachbarn als Erster zu begrüßen und nicht darauf zu warten, dass „der Neue“ sich erst einmal selbst vorstellt. Es ist nach Tit for tat richtig, auf Andere zuzugehen, ihnen eine Chance zu geben, mit uns in Kontakt zu kommen. Zu denken, der Andere als der Neue sei erst einmal in der Pflicht, den ersten Kontakt herzustellen, ist falsch.

Die zweite Regel erfolgreichen Miteinanders heißt: „Beantworte Kooperation immer mit Kooperation.“

Das meint: Wer mich unterstützt, darf immer darauf hoffen, dass ich dies ebenfalls tue. Es ist also falsch, seine Bemühungen erlahmen zu lassen, solange der Andere ebenfalls gut kooperiert. Das ist genau das, woran so manche Ehen scheitern. Denn es ist gefährlich, seine Bemühungen nur deswegen einzustellen, weil der andere sich anständig benimmt. Anfangs bemühen sich beide Partner noch, das Zusammenleben attraktiv zu gestalten. Wenn jedoch irgendwann einer der beiden bequem wird und seine Bemühungen nachlassen, dann darf man sich nicht wundern, wenn das dem anderen nicht mehr passt. „Hättest doch was sagen können“, ist dann oft die beleidigte Aussage. Nein: Ich sollte meine Anstrengungen nicht erlahmen lassen. Das wäre nach Tit for tat richtig. Das heißt jedoch auch, dass derjenige, der im Umgang mit mir einen Fehler gemacht hat und diesen Fehler einsieht – und entstandenen Schaden wieder gut gemacht hat –, ebenfalls damit rechnen darf, dass ich wieder mit ihm kooperiere. Ich werde ihm also verzeihen. Nicht wenigen Menschen fällt gerade dies sehr schwer. Sie schmollen auf ewig. Dabei schaden sie sich damit selbst. Wie oft sagen Menschen: „Mit dem? Nie wieder!“ Nicht selten ist es so, dass Menschen selbst dann den Kontakt ablehnen, wenn ein anderer um Verzeihung bittet und den Schaden wieder gut machen will. Ich kenne Menschen, die bis auf ihr Totenbett schmollen können und erst dann bereit sind, sich zu versöhnen – weil sie dem anderen nie die Chance dazu gelassen haben. Nach Tit for tat ist dies völlig falsch. Gib dem Anderen eine Chance, lasse zu, dass er sich wieder mit dir versöhnen kann! Und gib dem anderen nach der Versöhnung eine Chance, wieder mit dir zu kooperieren. Warte nicht darauf, bis du auf dem Totenbett liegst.

Die dritte Regel besagt: „Beantworte Nicht-Kooperation immer mit Nicht-Kooperation.“

Ja, Sie haben richtig gelesen: Die Antwort auf Nicht-Kooperation lautet Nicht-Kooperation. Damit ist nicht gemeint „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Sondern es meint: Höre auf zu kooperieren, wenn jemand sich daneben benimmt. Diese dritte Regel wird jedoch selten politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich eingehalten. Obwohl sich manche unserer Mitmenschen daneben benehmen, halten wir die Kooperation aufrecht. Wir meinen, der andere würde durch unsere Vorbildfunktion lernen, dass seine Nicht-Kooperation falsch ist. Spieltheoretiker wissen, dass dies Unsinn ist. Denn wer sich daneben benimmt, lernt nur Eines: Er kommt mit seinen Schweinereien ungestraft davon.

Warum sind diese drei Regeln so erfolgreich? Dafür sprechen vier Gründe:

1. Ich bin freundlich. Dadurch, dass ich zu Beginn einer Begegnung stets meine Kooperation anbiete, wirke ich freundlich auf meine Mitmenschen. Das unterstützt das soziale Miteinander.

2. Ich bin jemand, der verzeihen kann. Die zweite Regel macht jedem deutlich, dass ich nicht auf ewig schmolle, sondern bei Einsicht eines Fehlers bereit bin, dem anderen zu verzeihen. Ich gebe somit jedem eine zweite und durchaus eine dritte Chance.

3. Ich bin wehrhaft. Wer mich über Ohr hauen will, wird sehr schnell begreifen, dass dies nicht klappt. Ich stelle meine Kooperation ein, wenn mich jemand über den Tisch ziehen will.

4. Ich bin berechenbar. Wenn ich diese drei Regeln konsequent lebe, dann weiß jeder, woran er bei mir ist. Das führt durchaus dazu, dass meine Mitmenschen nicht nur ein sehr klares Bild von mir haben werden, sondern sich auch sehr genau überlegen, wie sie mit mir umgehen müssen, damit wir miteinander klar kommen.

Es lohnt sich also von Spieltheoretikern zu lernen. Seien wir kooperativ und wehrhaft zugleich. Das macht unser Leben ein wenig leichter. Viel Spaß dabei!

Von Ulf D. Posé


Stand: Frühjahr 2013

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