Der Trend geht in Richtung Hybrid – nicht nur bei Schaeffler

Wie wird der Nachhaltigkeitsansatz in der Automotive-Branche umgesetzt? Professor Peter Gutzmer ist Chief Technology Officer bei Schaeffler und stellte sich exklusiv auf der IAA den Fragen des HI:TECH CAMPUS Chefredakteurs Nicolai Haase. Dabei erläutert er die Nachhaltigkeitsphilosophie von Schaeffler und macht zudem deutlich, warum Automobilzulieferer reizvolle Arbeitgeber für Hochschulabsolventen sind.

Der Generatorfreilauf gehört zu den “heimlichen Helden” von Schaeffler. Das unscheinbare Bauteil reduziert Schwingungen und verbessert die Energieeffizienz moderner Motoren

­­Wenn man Hochschulabsolventen technischer Fakultäten fragt, wo sie denn gerne nach ihrem Studium beruflich einsteigen würden, dann hört man häufig die Namen der großen und bekannten Automobilhersteller, wie Daimler, VW oder BMW. Woran liegt es, dass Automobilzulieferer in der Wahrnehmung der Hochschulabsolventen nur eine untergeordnete Rolle spielen?
Automobilzulieferer erscheinen weniger attraktiv. Das ist allerdings ein Trugschluss. Wenn man sich beispielsweise die Liste der meisten Patentanmeldungen anschaut, dann finden sich unter den ersten fünf Plätzen vier Automobilzulieferer und nur ein Automobilhersteller. Dies zeigt, dass Innovationen häufig von den Zulieferern angestoßen werden.

Die Hersteller konzentrieren sich in erster Linie auf das Gesamtsystem und nicht auf die Details in einem Getriebe oder in einem Motor. Die Zulieferer jedoch kommen aus dem Produkt in die funktionale Ebene. Sie sind für die Detailoptimierung verantwortlich. Ein großer Teil der kreativen und damit auch spannenden Arbeit liegt deshalb bei uns.

Dass viele Schaeffler nicht mit auf dem Schirm haben, liegt sicher auch daran, dass wir bis vor zwei oder drei Jahren in der Öffentlichkeit nicht stattfanden. Unser Motto lautete zu dieser Zeit: “Wir machen sehr gute Arbeit und wir wissen das auch, aber warum sollten wir das nach außen kommunizieren.”

Allerdings hat inzwischen ein Umdenken stattgefunden. Wir betreiben Imagepflege, halten Bilanzpressekonferenzen ab und haben einen Nachhaltigkeitsbericht veröffentlicht. Diesem kann entnommen werden, dass wir seit über 20 Jahren an unseren Standorten weltweit die Umweltauflagen erfüllen.

Ist das nicht selbstverständlich, machen das nicht alle großen Unternehmen?
Nein, genau das ist ein weit verbreiteter Irrtum. Bei vielen großen Unternehmen stehen Umweltauflagen nicht unbedingt an erster Stelle. Das wird nur in den Medien nicht so kommuniziert. In diesem Punkt heben wir uns von vielen anderen ab. Uns liegen externe Zertifizierungen vor, die belegen, dass wir an allen Standorten den höchsten Umweltstandard einhalten.

Warum sollten Jungingenieure Schaeffler unbedingt kennen?
Was viele nicht wissen ist, dass sich  durchschnittlich ungefähr 60 Bauteile aus dem Hause Schaeffler in weltweit jedem Automobil  befinden. Es überrascht daher nicht, dass rund 60 Prozent des von Schaeffler generierten Umsatzes aus den von der Automotive-Sparte vertriebenen Produkten resultieren. Das Renommee von Schaeffler in der Sparte Automotive basiert dabei auf einer Vielzahl innovativer Produkte und Bauelemente.

Unser Portfolio reicht von Radlagern sowie Fahrwerks- und Lenkungskomponenten über Getriebebauteile und -entwicklungen bis hin zu Motorenelementen und Ventilsteuerungssystemen. In der Automobilindustrie sind wir damit als Entwicklungspartner mit Systemwissen für den kompletten Antriebsstrang anerkannt, als der wir mit unseren Präzisionsprodukten für Motor, Getriebe und Fahrwerk für einen geringeren Energieverbrauch und weniger Schadstoffe sorgen. Darüber hinaus tragen unsere Produkte dazu bei, dass Autofahren sicherer und bequemer wird.


Stichwort Nachhaltigkeitsbericht. Worin besteht denn ihr Nachhaltigkeitsansatz genau?

Wir als Schaeffler sehen im Thema Nachhaltigkeit die Chance schlechthin für den Wirtschaftsstand-ort Deutschland. Man muss diese aber auch ergreifen. Es gilt daher, früh Grundlagen zu schaffen. Wir müssen bereits im Kindergarten ansetzen und die jungen Menschen dahingehend fördern, dass sie lösungsorientiert denken. Sie müssen spielerisch lernen, mit Technik umzugehen. Hierin liegt gegenwärtig sicherlich ein großes Defizit. Es wird Zeit, dass ein Umdenken stattfindet. Um die Innovationskraft unseres Landes aufrecht zu erhalten, benötigen wir junge und engagierte Menschen. In unsere Gesellschaft wird das Thema Technologie aber noch nicht als Chance wahrgenommen. Wir müssen die Innovationskraft, die wir aus diesem Wissen generieren, schaffen. Allerdings müssen wir dafür an unserem Grundverständnis arbeiten.

In China beispielsweise lernen bereits junge Menschen, Nachhaltigkeitsprobleme eigenständig zu lösen. In Deutschland hingegen haben wir eine Problemkultur. Hier werden Probleme diskutiert, statt gelöst. Das muss sich dringend ändern. Deshalb sind auch die Hochschulen gefordert, ihren Beitrag zu leisten. Sie müssen darauf hinwirken, dass ausreichend Grundlagenwissen geschaffen wird. Es muss auch Studierenden frühzeitig die Möglichkeit eingeräumt werden, erste praktische Erfahrungen zu sammeln. Nur diese Kombination bringt den gewünschten Erfolg. So können wir es möglicherweise schaffen, den von uns geforderten “Mech-chem-troniker” zu generieren, der über Spezialwissen in verschiedenen Bereichen verfügt. Auch wir als Unternehmen sind in der Pflicht. Wir haben die Aufgabe, berufsbegleitend für die weitere kontinuierliche Fachqualifizierung zu sorgen.

Kann man sagen, dass Nachhaltigkeit vor allem der Glaube daran ist?
Das ist auf jeden Fall richtig. Allerdings genügt der Glaube daran alleine nicht. Es gilt die Voraussetzungen zu schaffen, damit dieser Glaube auch Wirklichkeit werden kann.

Was bedeutet das konkret? Wie lebt Schaeffler denn diesen Nachhaltigkeitsansatz?

Wir sehen unser Unternehmen als Technologieführer und Innovationstreiber. Innovationen aus dem Hause Schaeffler tragen dazu bei, das Automobil von heute und morgen fit für die Herausforderungen der Zukunft zu machen. Gerade in Sachen Energieeffizienz ? und somit für die Minimierung von Kraftstoffverbrauch und Schadstoffemissionen ? ist Schaeffler maßgeblich an den Erfolgen im modernen Automobilbau beteiligt. Wir haben in unserem Unternehmen eine positive Grundkultur geschaffen, die die Themen “Probleme lösen und Innovationen vorantreiben” in den Vordergrund stellt.

Unser Ziel ist es, weiterhin erfolgreich an der Spitze zu stehen. Wir wollen als Spezialist zu Rate gezogen werden, sobald es Probleme im Antriebsstrang gibt. Um dies zu garantieren, ist es wichtig, aktiv Maßnahmen zu ergreifen. Deshalb schaffen wir auch im Personalentwicklungsbereich die Voraussetzungen und bieten umfassende Weiterbildungsmöglichkeiten für unsere Mitarbeiter an.
Diese Voraussetzungen haben wir schon frühzeitig geschaffen, indem wir eine eigene Innovationsabteilung eingerichtet haben, in der wir aktiv Marktforschung betreiben und Trends beobachten.

Schönes Stichwort! Was liegt denn gegenwärtig voll im Trend?
Zunächst muss festgehalten werden, dass der Verbrennungsmotor weiterhin kein Auslaufmodell ist. Aufgrund der infrastrukturellen Probleme, die das Thema Elektromobilität mit sich bringt, wird er auch die nächsten 15 bis 20 Jahre die dominante Antriebsquelle bleiben. Allerdings wird in den nächsten Jahren dem elektrischen Fahren der Zugang erleichtert werden. Der Trend geht damit ganz klar in Richtung Hybrid.

 Wie sind gegenwärtig die Einstiegs­chancen für Hochschulabsolventen bei Schaeffler zu beurteilen?Sehr gut. Um auch für die Zukunft gut aufgestellt zu sein, suchen wir qualifizierte Hochschulabsolventen. Allein im Umfeld Entwicklung haben wir zurzeit in Deutschland 600 offene Stellen. Speziell im Bereich der Entwicklung von Kombinationen aus Verbrennungsmotorenelektrik und dem rein elektrischen Fahren sehen wir ein großes Potenzial. Daher haben wir entschieden, dass wir uns in diesem Bereich massiv verstärken. Zu diesem Zweck werden wir in den nächsten zwei Jahren ein Kompetenzzentrum einrichten, das 300 Menschen Arbeit bietet.
Gibt es etwas, was Sie unseren Lesern noch mit auf den Weg geben möchten?
Sie sollten eine Karriere im Automobilzuliefererbereich in Erwägung ziehen, da sie hier spannende, globalisierte und sehr kreative Themen, wie beispielsweise die Weiterentwicklung des Ventiltriebs erwarten. Wenn man an die Herausforderungen der Zukunft denkt, bieten sich hier viele Möglichkeiten technische Problemlösungen mit viel Eigenständigkeit zu erarbeiten. Zulieferer bieten ferner die Möglichkeit, die eigene Persönlichkeit zu entwickeln und das vorhandene Potential auszuschöpfen. Bei Schaeffler werden fünf bis zehn Prozent vom Entwicklungsbudget für reine Vorentwicklung ausgeben. Das heißt,  hier können Mitarbeiter ihre Ideen einbringen und an ihnen forschen, ohne  dass ihre Kreativität bereits im Keim erstickt wird.
Prof. Dr.-Ing. Peter Gutzmer ist Mitglied der Geschäftsführung und verantwortlich für die Technische Produktentwicklung bei Schaeffler.

Dieser Artikel ist zuerst erschienen in HI:TECH CAMPUS, Ausgabe 3/2011.


Stand: Frühling 2011
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