Zwischen Überholspur und Abstellgleis

Reno, wie sie nach ihrem Geburtsort in Nevada genannt wird, führt ein Leben der Extreme. Zwischen Untätigkeit und Rasanz, zwischen Einsamkeit und Menschenmasse. Durch ihre Beziehung mit dem Sproß einer italienischen Industriellenfamilie findet sie sich plötzlich unverhofft im Italien der roten Brigaden 1977 wieder. Nicht ohne Gefahren für Leib und Leben.

Zwischen Überholspur und Abstellgleis

Familienkrisen und die nationale Lage

Eine klassische Kindheit hatte Reno nicht, aber durchaus familiären Rückhalt. Vor allem mit ihren beiden Cousins teilte sie die Liebe zu Motorrädern und Geschwindigkeit. Trotzdem ist alle persönliche Vergangenheit merkwürdig abwesend, wenn es um Reno geht. Stattdessen streut Rachel Kushner die Vergangenheit von Sandro Valero und dessen Vater, sowie verschiedener Mitglieder aus deren Dunstkreis in die Geschichte mit ein. Nach dem Kunststudium verschlägt es Reno nach New York. Filme will sie machen. Aber wo anfangen? Wie findet man Anschluss in einer Stadt voller Menschen? Durch Zufall kommt sie dabei in Kontakt mit genau den richtigen Gestalten aus der Kunstwelt – und mit Sandro. Der etwas ältere Italiener hat es Reno angetan und in seiner Gegenwart wird aus der toughen jungen Frau plötzlich ein Anhängsel. Und dann ist da noch Sandros bester Freund Ronny, mit dem Reno vor Sandro eine Nacht verbrachte, worüber sie nie sprechen, die aber ganz offensichtlich auf beide Eindruck gemacht hat. Als Reno für ein Kunstprojekt an einem Motorradrennen teil nimmt, beschleunigt auch das Beziehungskonstrukt in New York seine Wechselwirkungen.

Aus den Fugen gerät das alles aber erst, als das junge Paar sich nach Italien begibt und dabei nicht nur auf Sandros unterkühlte Familie, sondern auf die Gewalt der roten Brigaden und die gewalttätige Umsturzstimmung der späten 70er Jahre trifft.

Wenn ein Roman von Anfang an auf soviel Gegenliebe stößt, macht das manchmal auch verdächtig. Rachel Kushner und ihre zwielichtigen Künstler und Lebenskünstler verdienen den Lobpreis aber durchweg. Scharfsichtig und kenntnisreich führt der Roman den Leser in gleich zwei brodelnde soziokulturelle Biotope. Ein faszinierender Blick in eine spannende Zeit – und das auch noch gut geschrieben und übersetzt.

Gisela Stummer (academicworld.net)

Rachel Kushner. Flammenwerfer.

22,95 Euro. Rowohlt.

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