Zwischen Tradition und Testosteron

Unschlagbar günstige Mieten für Zimmer in bester Lage, schnell Anschluss in einer neuen Stadt und Kameraden fürs Leben finden – dies sind verlockende Angebote, mit denen studentische Verbindungen versuchen Nachwuchs zu werben. Aber was verbirgt sich hinter den Fassaden der schmucken Verbindungshäuser und haben solche Korporationen in Zeiten des Social Networkings überhaupt noch einen Sinn? Der Versuch einer Bestandsaufnahme.

Junge Mitglieder des Corps Franconia

“Die besten Opfer sind diejenigen, die ihr Studium weit weg von Zuhause beginnen und keinerlei Freunde vor Ort haben. Viele von den Neulingen hatten in der Schulzeit einen sehr kleinen Freundeskreis und gehörten nie zu den Coolen. Die Studentenverbindung bietet ihnen die Form von Kameradschaft, die sie nie erfahren haben“, erzählt Dennis, einer von fünf jungen Studenten, die aus Wohnungsnot und angelockt von der billigen Miete bei der Freiburger Burschenschaft Teutonia einzogen. Zwei von ihnen sind damals bei der Verbindung geblieben.

Zugegebenermaßen, mit ihren steifen Traditionen und Sitten wie dem akademischen Fechten, der sogenannten Mensur, dem Lebensbundprinzip, Ehrgeschwätz und ihrem oft veralterten Weltbild, liegen studentische Korporationen nicht gerade am Puls der Zeit. Sie wirken verstaubt, konservativ und ihnen allen liegt ein gewisses elitäres Gedankengut zugrunde. Es gibt sogar Verbindungen, die Zivildienstleistenden den Beitritt verweigern. Der Autor und Lehrbeauftragte für empirische Sozialforschung Stephan Peters, der selbst einige Jahre in zwei verschiedenen Verbindungen verbracht hat, sieht diese mittlerweile etwas anders: „Akademische Männerbünde untergraben die Chancengleichheit, das verstößt gegen eins meiner Prinzipien, daher erachte ich sie heute vor allem in dieser Hinsicht als zweifelhaft.“ Man fragt sich, ob studentische Verbindungen denn überhaupt noch nötig sind? Mit sozialen Netzwerken wie Facebook, StudiVZ und Xing schafft es heutzutage schließlich jeder ganz nebenbei mit all seinen Freunden und potenziellen Arbeitgebern oder Geschäftspartnern Kontakt zu halten und zu pflegen. Otto Bauer vom Corps Montania Clausthal und Michael Stephan vom Corps Franconia Tübingen haben dazu eine klare Meinung: “Wir nutzen diese Plattformen für unsere Zwecke, aber den zwischenmenschlichen Kontakt können sie nicht ersetzen.“ Und Otto ergänzt: “Die Basis der Verbindung ist eine ganz andere, es geht um lebenslange persönliche Unterstützung und auch um die ganze Atmosphäre.”

Vor allem in wirtschaftlich schwachen Zeiten, wie in der derzeitigen Finanzkrise, kann sich die Mitgliedschaft in einer Verbindung für das Berufsleben besonders auszahlen. Kritiker sprechen hierbei von Seilschaften. “Wer sagt, dass eine Verbindung nur wie eine bessere WG ist, der lügt. Natürlich werden Seilschaften gepflegt, vor allem bei den Corps“, sagt Stephan Peters. Nicht mehr aktive Mitglieder einer Verbindung, die sogenannten Alten Herren und die Burschen stehen nämlich in engem Kontakt miteinander. Oft haben nicht mehr aktive Mitglieder einflussreiche Positionen, sind in der Wirtschaft und Verwaltung tätig, Universitätsprofessoren, Staatsanwälte oder Richter. Mit ihrem Einfluss und ihren Kontakten verhelfen sie dann den Sprösslingen beim raschen Aufstieg auf der Karriereleiter, die wiederum ihren eigenen Schützlingen den Berufseinstieg erleichtern.  

Dies ist ein ewiger Kreislauf und erklärt, warum oft höher gestellte Persönlichkeiten aus der Wirtschaft, dem Rechtswesen, der Politik und Kultur aus studentischen Verbindungen hervorgehen. Die Liste erfolgreicher und teilweise bekannter Korporierter ist ellenlang.  

Thomas Gottschalk, Edmund Stoiber, der Bild-Chefredakteur Kai Diekmann und der CDU-Politiker Heiner Geißler sind nur einige Beispiele. “Es fällt vielleicht mal beim ein oder anderen die klassische Bewerbung weg, wenn ein alter Herr ein Verbindungsmitglied für eine freigewordene Position vorschlägt“, rechtfertigt Corpsstudent Otto Bauer das System, “aber Alumni-Vereine funktionieren nach dem gleichen Prinzip. Man verschafft sich durch Networking einen Vorteil auf dem Arbeitsmarkt und profitiert von den bereits Berufstätigen.”

Studentische Verbindungen gibt es schon seit es Universitäten gibt.  

Die ersten Verbindungen waren sogenannte Landsmannschaften, deren Mitglieder sich als Burschen bezeichneten. Diesen Begriff leiteten sie vom Wort “Burse” ab, einem Ausdruck für eine aus einer gemeinsamen Kasse lebenden Gemeinschaft. Der Vorwurf des Rechtsradikalismus führt heutzutage dazu, dass studentischen Korporationen ihr Ruf vorauseilt. Dabei gibt es durchaus große Differenzen, angefangen bei den verschiedenen Bezeichnungen.  

“Studentenverbindungen unterscheiden sich im Wesentlichen dadurch, ob sie Farben tragen, Mensuren schlagen, einen expliziten politischen Anspruch proklamieren, einem Dachverband angehören und ob die Mitgliedschaft an konfessionelle, geschlechtsspezifische, auf Staatsangehörigkeit bezogene oder aber an völkische oder kulturelle Kriterien gebunden ist”, schreibt Politologin Dr. Alexandra Kurth in ihrer Dissertation “Männer – Bünde – Rituale”. Die Kameradschaft, die Ehre und das Lebensbundprinzip werden jedoch bei fast allen Verbindungen ganz groß geschrieben. Die meisten Korporationen distanzieren sich vehement von den Vorwürfen des Rechtsradikalismus, betreiben Öffentlichkeits- und Aufklärungsarbeit an den Unis und im Bekanntenkreis. “In Verbindungen gibt es nicht mehr rechtsextreme als sonst überall auch. Wegen zwei Fällen werden dann alle deutschen Verbindungen in die Medien gerückt und vorgeführt“, erzählt Corpsstudent Michael.

Burschenschaften sowie ihre Dachverbände sind explizit politisch und gehören zu den zweifelhafteren Verbindungen. Der Deutschen Burschenschaft (DB), der auch die bereits genannte Freiburger Teutonia angehört, werden schon seit Jahren rechtsextreme Züge nachgesagt. Zwischen 2001 und 2007 wurde beispielsweise die Münchner Korporation Danubia in den Bericht des Verfassungsschutzes aufgenommen. Dennoch sind solche Verbindungen die absolute Ausnahme.  

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